Meinung : „Tisch für sechs, beste Lage, keine Rechnung“

Christoph von Marschall

Geld regiert die Welt – jedenfalls die Welt von Jack Abramoff, dem Star unter den Lobbyisten in Washington D.C. Er hat sein eigenes Restaurant zwischen Kongress und Weißem Haus, um politische Freunde zu bewirten, das „Signatures“. Wobei man den Namen nicht zu wörtlich nehmen sollte – mit Unterschriften besiegelt wurden die gegenseitigen Gefälligkeiten nicht. Auch so hat Abramoff zu viele Spuren hinterlassen, vor allem in E-Mails: Golftrips, Sporttickets und sechsstellige „Spenden“ für Politiker gegen Unterstützung der Interessen von Abramoffs Klienten – an erster Stelle Indianerstämme, die vom Betrieb steuerbefreiter Casinos leben.

Schon die Anhörungen in den Kongressausschüssen brachten unangenehme Details für die Republikaner und die Bush-Regierung zu Tage. Nun will Abramoffs Partner Michael Scanlon vor Gericht als Kronzeuge fungieren – gegen Strafermäßigung. Mit geradezu glücklicher Miene plädierte er auf „schuldig“, als der Richter ihm Korruption und Verschwörung vorhielt. Fünf Jahre soll er ins Gefängnis – und 19,7 Millionen Dollar an Indianerstämme zurückzahlen.

Dieser Skandal ist weit gefährlicher für Präsident Bushs engste Umgebung als alle bisherigen Affären. Scanlon war zuvor Pressesprecher des republikanischen Mehrheitsführers Tom DeLay – und umgekehrt war Susan Ralston, die persönliche Assistentin von Bushs Strategieberater Karl Rove, früher Sekretärin von Abramoff. In den Strudel geraten republikanische Spitzenpolitiker: Abgeordnete wie Robert Ney sind bereits angeklagt, Bushs Kandidat als Vizejustizminister, Timothy Flanigan, gab im Oktober auf, als er nach seinen Kontakten zu Abramoff befragt wurde.

Lobbyismus ist ein millionenschweres und in gewissen Grenzen legales Geschäft in Washington. Abramoff ließ sich bezahlen, um Gabuns Präsidenten Omar Bongo einen Termin bei Bush zu verschaffen (neun Millionen); von Indianerstämmen kassierte er angeblich über 60 Millionen, um deren Casinos zu befördern, die von Konkurrenten zu verhindern und die Steuerbefreiung zu bewahren. Die Republikaner wollten diese Quelle im „K-Street-Projekt“ – dort haben viele Lobbyisten ihren Sitz – für die Wahlkampffinanzierung nutzen, unterhalb der Schwelle zur offenen Korruption. Die Operation ist aus dem Ruder gelaufen. Packt der 47-jährige Abramoff vor Gericht aus, kann er zu Bushs gefährlichstem Gegner werden.

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