Meinung : Tod und Tabu

Auch in den USA wird die Todesstrafe in Frage gestellt

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Von Gerhard Mauz

RECHTSWEGE

Die Todesstrafe ist wieder im Gespräch. In den USA hat sich ein Gericht dagegen entschieden, auf Bundesebene die Todesstrafe zu verhängen. Schon drei Monate vorher war die Todesstrafe für verfassungswidrig erklärt worden. Sie garantiere die Rechte des Angeklagten nicht ausreichend. Die Todesstrafe ist in 38 Bundesstaaten aber weiter zulässig. In der Bundesrepublik ist sie durch Artikel 102 des Grundgesetzes abgeschafft worden. Trotzdem ist immer wieder ernsthaft diskutiert worden, ob es nicht nötig sei, die Todesstrafe wieder einzuführen, und sei es nur für bestimme Verbrechen. Die Protokolle dieser Diskussionen sind niederschmetternd. Rechtsgelehrte, die man namhaft zu nennen hat, traten für die Todesstrafe ein. Sie sprachen davon, dass unser System des Strafens ohne die Krönung, die Speerspitze der Todesstrafe, gefährdet sei, dass es ausbluten und sich auflösen werde.

Wer gegen die Todesstrafe ist, muss sich denen stellen, denen der Tod eines Angehörigen etwas zufügt, woran sie ihr Leben lang tragen werden. Wir müssen versuchen, sie für die „einzige unbestreitbare Solidarität der Menschen" zu gewinnen, von der Albert Camus gesprochen hat – für die Solidarität gegenüber dem Tod. Wider die Todesstrafe in aller Welt kann man nicht kämpfen. Man muss bitten, werben, gewinnen, vorleben. Ich erspare mir nicht, immer wieder die Frage zu stellen, wie ich reagieren würde, wenn ich selbst betroffen wäre.

Es ist in Ordnung, dass unser Justizministerium es ablehnt, zu Ermittlungen gegen Menschen beizutragen, die in Ländern straffällig wurden, wo es die Todesstrafe gibt, geschweige denn sie auszuliefern. Lesen Sie die Geschichte „Kopfschuss für eine Niere" im „Stern" über China, wo „berechnend exekutiert" wird, um im Organhandel Millionen zu verdienen. Dort wird der chinesische Dissident Harry Wu zitiert: „Mit Hilfe der Regierung entstand eine industrialisierte Tötungsmaschine mit hohen Profiten und einem internationalen, mafiaartigen Netzwerk."

Gerhard Mauz ist Autor des „Spiegel“. Foto: Dirk Reinartz

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