Meinung : Toleranz kommt nicht vom Wegschauen

Ein politischer Mord zwingt Muslime in den Niederlanden, Flagge zu zeigen

Rolf Brockschmidt

Der Mord am niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh ist zwar noch nicht endgültig aufgeklärt, aber es ist das geschehen, was viele im Lande nach dem 11. September und dem Mord an dem Politiker Pim Fortuyn befürchtet hatten: Ein Mord aus islamistischen Motiven heraus an einem exponierten Meinungsmacher. Schon länger wurde etwa auch die aus Somalia stammende niederländische Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali wegen ihrer kritischen Haltung zum Islam scharf kritisiert und bedroht.

Die Folgen des 11. September und die verschärfte Einwanderungsgesetzgebung der Regierung Balkenende nach dem Mord an Pim Fortuyn haben dazu geführt, dass das Verhältnis zwischen Niederländern und Niederländern marokkanischer Abstammung sich verschärft hatte, ohne allerdings jemals Dimensionen anzunehmen wie etwa in Frankreich. Es gibt dort auch keine „no-go-areas“.

Die Niederländer müssen allerdings nun erfahren, dass ihr bisher geschätztes Modell der Toleranz so nicht mehr funktioniert. Das hatte es zugelassen, dass wirklich jeder nach seiner eigenen Facon selig werden konnte. Man ließ jede Gruppe gewähren, wie man es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch gewohnt war, als die Aufteilung der Gesellschaft in katholische, protestantische, liberale und sozialistische „Säulen“ das ganze Leben dominierte. Die eine Säule wusste nicht, was die andere umtrieb. Das hat sich gewandelt, aber die Idee der Toleranz als eines sich Umdrehens, wenn es ungemütlich wird, hatte sich lange gehalten.

Die zum Teil zu beobachtende Radikalisierung unter den niederländischen Jugendlichen marokkanischer Herkunft rührt aus einer versäumten Integration, die auch das Erlernen der Sprache und Kultur des Gastlandes erfordert. Die jungen niederländischen Marokkaner, die schon vor einigen Jahren in das Visier des Inlandsgeheimdienstes gerieten, weil sie sich von Al Qaida rekrutieren ließen, stammen genau aus diesem Milieu.

Dennoch verhalten sich die meisten Niederländer, einschließlich der Eingewanderten, zurzeit noch ruhig und besonnen. Natürlich fragen sich viele, ob man nun noch seine Meinung frei äußern darf, ohne gleich auf Personenschutz zurückgreifen zu müssen, was nicht in niederländischer Tradition liegt. Allerdings war gerade Theo van Gogh jemand, der die Grenzen der Meinungsfreiheit geradezu extrem ausgereizt hatte und auch nicht davor zurückschreckte, den Propheten Mohammed einen „Ziegenficker“ zu nennen.

Der Mordanschlag hat dazu geführt, dass sich die niederländischen Moslems aktiver und schneller als jemals zuvor öffentlich zu den Werten der demokratischen Gesellschaft bekennen, da eine Polarisierung nicht in ihrem Interesse liegt. Das ist gut so. Sie müssen begreifen, dass der Schutz terroristischer oder extremistischer Gruppen oder Personen falsch verstandene Solidarität ist. Das niederländische Wort für Gesellschaft ist „samenleving“ und hat eine stärkere Note des Gemeinsamen und Gemeinschaftlichen als das deutsche Wort. Dem Geist dieses Wortes müssen sich nun alle aktiv stellen, Niederländer und Einwanderer.

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