Meinung : Toleranz lernen Schüler gemeinsam am besten

Ein neues Fach Wertekunde könnte mehr erreichen als getrennter Religionsunterricht Von Wilfried Seiring

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Nachdem Schüler der ThomasMorus-Schule in Neukölln den so genannten Ehrenmord an einer jungen türkischen Mutter gutgeheißen hatten, haben Eltern und Lehrer dort Konsequenzen gefordert. Wenn ich eines aus dieser Diskussion mitgenommen habe: Es war nicht der Wunsch nach Werte-Vermittlung; Werte übrigens, die alle bereits verpflichtend vorgegeben sind, es war nicht der Ruf nach einem neuen Fach, um die Rechtfertigung solcher Morde zu verhindern oder von der Bedeutung unserer liberalen, parlamentarischen Demokratie zu überzeugen. Es wurden Forderungen laut nach Ganztagsangeboten, nach Sozialpädagogen, nach niedrigeren Frequenzen, nach Neueinstellungen. Man wollte mehr Schüler mit Schulabschlüssen, mit Ausbildungschancen und Perspektiven für Jugendliche, deren Fehlverhalten natürlich nicht tolerabel ist, wohl aber erklärbar aus dem Pariastatus, der in Cliquen Identität sichert und schmerzlich empfundene Ausgrenzung kompensieren soll.

Ein neues Schulfach ist eine bildungspolitische Entscheidung, die übrigens zum gleichen Ergebnis führen würde, wenn man ein bereits vorhandenes Fach, etwa Sozialkunde, entsprechend erweitern und mit zusätzlichen Inhalten versehen würde. Der begrüßenswerte Nebeneffekt: Man hätte bereits ausgebildete Lehrer, ein Curriculum, zugelassene Schulbücher, vor allem den entsprechenden Studiengang an den Universitäten, also alles, was man bei einem neuen Fach erst mit Zeitverzug schaffen müsste. Gleichwohl, es ist eine bildungspolitische Entscheidung.

Worum geht es also, wenn nun ein neues Werte-Fach gefordert wird? Die erkennbare Differenz im vielstimmigen Reformchor ist die Frage, ob es ein Bekenntnis-(Glaubens-) oder ein Kenntnis-(Wissens-)Fach sein soll. Wir Humanisten vertreten die Auffassung, dass die Grundlagen eines Bekenntnisses von authentischen Vertretern der Weltanschauungs- und Religionsgemeinschaften und nicht vom bekenntnisneutralen Staat zu leisten und zu verantworten sind.

Dagegen steht bei einem so genannten Werte-Fach für alle Schüler ohne Abmeldeklausel für uns vor allem ein pädagogischer Gesichtspunkt im Zentrum: Für das Miteinander der Berliner Bevölkerung, die sich zunehmend stärker aus Menschen verschiedener Herkunft, kultureller Prägungen oder Religionen zusammensetzt, wird von existenzieller Bedeutung sein, dass Schüler im gemeinsamen Unterricht voneinander lernen, sich in ihrer jeweiligen Andersartigkeit tolerieren, dass sie bereit sind, sich anzuhören, kurzum, dass sie den demokratischen Konsens nicht aufkündigen, sondern zu dessen Stabilisierung beitragen und kein Feindbild vom anders Denkenden aufbauen, also, dass sie lernen, respektvoll miteinander zu leben. Man kann einwenden, dass diese Lernziele selbstverständlich die Aufgabe aller Fächer sind. Das ungelöste Problem der Integration von Migranten kann schulisch am besten unterstützt werden, wenn alle Kinder gemeinsam die Bedeutung unserer kulturellen und politischen Werte erfahren, wenn sie nicht nach Religionen getrennt unterrichtet werden.

Eine Folge davon hat das Bundesverwaltungsgericht 1998 bereits formuliert: „Der Landesgesetzgeber wäre nicht gehindert, Ethikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler vorzusehen und in Kauf zu nehmen, dass die am Religionsunterricht teilnehmenden Schüler im Verhältnis zu den anderen Schülern zusätzliche Schulstunden haben.“ Das gilt natürlich auch für Weltanschauungsgemeinschaften, die ihren Unterricht ebenfalls in eigener Verantwortung ergänzend anbieten müssten.

Wer die Finanzsituation Berlins kennt und die dringenderen Reform-Investitionen in der Schule, der wird denen zustimmen, die das neue Fach erst ab Klasse 7 einführen wollen. Bei aller Kampfstimmung darf das Augenmaß für das Vertretbare nicht verloren gehen.

Der Autor war bis 1998 Leiter des Landesschulamtes und ist Direktor des Ausbildungsinstituts für Humanistische Lebenskunde an der Technischen Universität.

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