Meinung : Totalitärer Treibsatz

Der demagogischen Kraftnatur Oskar Lafontaine kann man nur argumentativ begegnen

Hermann Rudolph

Ernst nehmen oder gar nicht erst ignorieren? Vermutlich kennzeichnet es den aktuellen Moment, dass sich diese Frage in bezug auf Oskar Lafontaine nicht mehr stellt. Der spektakulärste Aussteiger in der Geschichte der Republik ist zu einem hochbrisanten Aufsteiger geworden. Der einstige Kolumnen-Zündler, den ein Massenblatt halb des Knalleffekts, halb der Gaudi wegen auf sein Publikum losließ, tritt auf als politischer Condottiere, der mit seinem politischen Fusionsprojekt namens „Die Linke“ seine Ex-Partei das Fürchten lehrt, aber auch dem ganzen verunsicherten, in der großen Koalition notgesicherten Politikbetrieb. Weshalb nun überall die Frage auftaucht: Was will Lafontaine? Wer ist Lafontaine?

Die Überzeugungen, die er ausbreitet, ergeben zwar keine mögliche Politik, aber sie werfen Fragen auf, die mit Stemmeisenkraft an dem Bestand der Überzeugungen der politischen Klasse und ihres zunehmend skeptischer gewordenen Publikums rütteln. Hätte man gedacht, dass jemand – so wie er – frei von allen Zweifeln versuchen würde, das ganze Repertoire staatlicher Einflussnahme und gesellschaftlicher Kontrolle wieder ins Spiel zu bringen, das sich doch in den vergangenen Jahrzehnten hinlänglich blamiert hat? Und das nun ausgerechnet in der „FAZ“, dem Zentralorgan des Ordoliberalismus mit dessen Galionsfiguren Walter Eucken und Franz Böhm?

Doch der Hitzegrad, den die Debatte über den Vorsitzenden der Linken inzwischen erzeugt, spiegelt ja nicht die Sache, sondern das entzündbare Gemisch, das seine Argumentationsweise transportiert. In ihr schießen gescheiterte Leitgedanken des linken SPD-Aufbruchs der siebziger Jahre zusammen mit der verblüffenden Kehre zu einem Welt- und Gesellschaftsbild, das sich aktivistisch und populistisch gegen die Komplexität stemmt, um die Politik nicht herumkommt.

Es ist diese süchtige, aktionslüsterne, am Ende doch rückwärtsgewandte Utopie, die dem Mann in der Öffentlichkeit das Irritierend- Changierende gibt: Ist er, der Gegner der Wiedervereinigung, national, nur weil er einen heiligen Krieg gegen die Globalisierung führt und dabei den Staat, der ein Nationalstaat ist, als Instrument nutzt? Ist er sozialistisch, weil er entschlossen ist, sich an die Spitze fast jeder Art von Aufstand der Enterbten und Verletzten zu setzen, wenn es seinem Machtgewinn nützt und seiner alten Partei schadet? Sicher ist nur: Die Kritik, die ihn mit den alten Totschlags-Begriffen aus der Vergangenheit attackiert, ihn also in die braune Suppe taucht, trifft diese demagogische Kraftnatur nicht.

Aber sie gibt der Debatte eine Richtung, die die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Lafontaine eher schadet. Seiner hämmernden Suada mit ihrem totalitärem Treibsatz, der er seine Wirkung vor allem verdankt, kann nur argumentativ begegnet werden. Seinem verbissenen Machtwillen mit überlegter Politik.

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