Meinung : Tour de France: Doping ohne Pillen

Alexander S. KekulÉ

Aus der Hubschrauberperspektive sah das härteste Radrennen tagelang aus wie ein friedlicher Schulausflug: Alle fuhren brav miteinander in einem großen bunten Feld, das mal der Eine, mal der Andere anführen durfte. Zwischendurch nippten die Profis an der Flasche und schauten entspannt in die Landschaft. Wenn ein Ehrgeiziger die schöne Ausflugsstimmung durch einen Ausbruchsversuch störte, war er schnell von einer Verfolgergruppe eingeholt - und die Harmonie wieder hergestellt.

Doch kaum kamen bei Aix-Les-Bains die Berge, trennte sich die Spreu vom Weizen, die Athleten kämpften in erbitterten Duellen um jeden Meter. Nach der 14. Etappe war am Sonntag plötzlich schon alles entschieden: Lance Armstrong hatte in den Pyrenäen einen Vorsprung von 5 Minuten und fünf Sekunden vor Jan Ullrich erstrampelt - nicht mehr aufzuholen, sagen die Radprofis.

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Bilder von der "Großen Schleife" Wie kann es sein, dass ein Rennen über 3462 Kilometer nach zwei Dritteln der Strecke mit fünf Minuten Vorsprung bereits gelaufen ist? Sind sich die besten Radprofis so ähnlich? Die alte Regel, dass die Tour de France in den Bergen entschieden wird, hat mit den beiden mächtigsten Gegnern der Radfahrer zu tun: Physik und Physiologie. Von den drei physikalischen Gegenkräften lassen sich zwei recht gut überlisten: Der Rollwiderstand ist durch die schmalen Reifen der Rennräder vernachlässigbar gering. Der im Flachland entscheidende Luftwiderstand wird durch das Fahren im Peloton deutlich reduziert, die Favoriten können auf Kosten ihrer Teamkollegen Kräfte sparen. Bergauf spielt der Luftwiderstand keine Rolle mehr, da er mit dem Quadrat der Geschwindigkeit abnimmt. Stattdessen ist der größte Gegner nun die Schwerkraft - und die muss jeder Sportler alleine überwinden.

Der Sauerstoff entscheidet

Radsport-Profis werden daher getunt wie Formel-1-Motoren. Was für Rennfahrer die PS-Stärke, ist für Hochleistungssportler die "maximale Sauerstoffaufnahme": Nur solange genug Sauerstoff zur Verfügung steht, werden Kohlenhydrate und Fette optimal zu Energie verbrannt. Mangelt es an Sauerstoff, entsteht bei der Muskelarbeit Milchsäure (Laktat) und vergiftet den Stoffwechsel. Kleine Radfahrer haben auf der Bergstrecke einen genetischen Vorteil: Ihre Austauschflächen in den Lungen und Blutgefäßen sind relativ zum Körpergewicht größer - der in den 90er Jahren erfolgreiche Bergspezialist Marco Pantani wog gerade mal 55 Kilo.

Um die maximale Sauerstoffaufnahme zu steigern, erhöhen manche Radfahrer durch Training in Höhenluft ihr Hämoglobin, das für den Sauerstofftransport im Blut verantwortlich ist. Da das Dopingmittel Erythropoietin (Epo) den selben Effekt hat, führt das Überschreiten eines festgelegten Hämoglobin-Wertes automatisch zur Disqualifikation. Damit die Athleten im physiologisch optimalen Bereich bleiben, werden Hämoglobin, Laktat und andere Werte akribisch überwacht und durch kontrollierte Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr eingestellt.

Bei technischem Gleichstand und optimal getrimmten Blutwerten entscheidet schließlich eine scheinbar unsportliche Körperpartie: das Fettgewebe. In den ersten zwei bis drei Stunden verbrennt der Organismus Kohlenhydrate. Danach greift er auf die Fettreserven zurück. Die Tour-Athleten füllen ihre Kohlenhydrat-Vorräte ständig nach - rund 10 000 Kilokalorien am Tag, das Vierfache der normalen Menge. Die Fettvorräte können nicht schnell genug ersetzt werden, die Fahrer verlieren trotz der Mastkur auf der Gesamtstrecke zwei bis vier Kilogramm Körpergewicht. Ohne optimale Fettverbrennung sind die Mammut-Etappen jedoch nicht zu schaffen: Wer im Sommer die Tour de France gewinnt, entscheidet sich bereits im vorangehenden Winter.

Zudem ist der voraussichtliche Tour-Sieger Armstrong sechs Zentimeter kleiner und wiegt acht Kilo weniger. Wer Zahlen mehr liebt als Sport, mag dies als Erklärung für den Fünf-Minuten-Rückstand nehmen.

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