Tränenpalast : Verkorkste Pläne am Spreedreieck

Das Spreedreieck-Projekt kann Berlin bis zu 130 Millionen Euro kosten, falls das Gericht die Baugenehmigung für das Glashochhaus endgültig verwirft.

Gerd Nowakowski

W as ist der Unterschied zwischen der unseligen Tempodrom-Affäre, die 2004 bundesweit Schlagzeilen machte, und dem neuen Skandal am Spreeufer, in Berlins bester Lage? Das Tempodrom kostete Berlin rund 30 Millionen Euro, das Spreedreieck-Projekt kann bis zu 100 Millionen Euro teuer werden, falls das Gericht die Baugenehmigung für das Glashochhaus endgültig verwirft.

Ein Trauerspiel, direkt am Tränenpalast. Dort, wo einst bei der DDR-Grenzkontrolle am Bahnhof Friedrichstraße geweint wurde, da könnte bald der Steuerzahler Tränen in den Augen haben. Diesmal vor Wut. Schiefgegangen ist am Spreeufer von Beginn an fast alles. Das war kein Pech, das waren viele Pannen – vor allem teure Pannen. Das Projekt ist ein erneutes Lehrbeispiel für die unheilvolle Mischung von politischem Dilettantismus, bürokratischer Wurstigkeit und mangelndem Zusammenspiel verschiedener Senatsverwaltungen.

Berlin bleibt doch Berlin. Gibt es jemand, der wirklich glaubte, in der Bundeshauptstadt gäbe es unter einem aus der Bankenaffäre geborenen rot-roten Senat keine Bauskandale mehr? Dazu gibt es beim anhaltenden Bauboom an der Spree, wo viele Goldgräber nach der schnellen Million haschen, zu viele Versuchungen, zu viele Fallstricke, zu viele unklare Verhältnisse, die vielfach aus den Zeiten der Teilung herrühren. Und die Akteure sind andere. Der West-Berliner Filz, aus dem manch Anrüchiges spross, ist verblichen, jetzt hat man es zu tun mit einer hauptstädtischen Melange aus wieselflinken Investoren und desorientierten Politikern: Das Grundstück verkaufte ein CDU- Finanzsenator, den verkorksten Bebauungsplan hat SPD-Senatorin Junge-Reyer zu verantworten.

Es gibt weitere Unterschiede. Beim Tempodrom, das am Anhalter Bahnhof seine Spitzen stolz in den Himmel reckt, waren alternative Idealisten am Werk, die fehlenden wirtschaftlichen Sachverstand mit guten Absichten kompensieren wollten – zusammen mit dem übergroßen Gestaltungswillen des Ex-SPD-Landesvorsitzenden Peter Strieder eine fatale Mischung. Jetzt hat die Verwaltung mit dem Investor Harm Müller-Speer zu tun, dem sie nicht gewachsen ist. Den zeichnet aus, allzeit mit den allerhärtesten Bandagen zu kämpfen. So sind die Behörden zu Getriebenen geworden, gejagt von einer Fehlentscheidung zur nächsten: So wurde dem Investor ein Grundstück verkauft, das Berlin nur teilweise gehörte, dann erhielt der Investor dafür eine Millionenentschädigung, weitere Grundstücke und neue Versprechungen. Dass am Ende dem Investor erlaubt wurde, einen nicht genehmigungsfähigen Koloss zu bauen, ist das Ergebnis von Powerplay und heilloser Überforderung.

Schon jetzt steht fest, dass vom Verkaufserlös des Grundstücks für Berlin nichts übrig bleibt. Selbst wenn Finanzsenator Sarrazin einen Baustopp noch abwenden kann – eines ist klar: Herauskommen wird ein Haus, das alles in den Schatten stellt. Nicht nur die Nachbargebäude, nicht nur die Tempodrom- Affäre, sondern auch die Karriere von Senatorin Junge-Reyer.

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