Transatlantische Freihandelsabkommen : Warum das TTIP eine gute Idee ist

Amerika spioniert in Deutschland. Sollen wir deshalb die Verhandlungen über das Transatlantische Freihandelsabkommen, kurz TTIP, aussetzen? Das wäre töricht. Aus TTIP könnte eine Art „Wirtschafts-Nato“ werden, zum Wohle aller.

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Da geht doch noch was, trotz der Spionage.
Da geht doch noch was, trotz der Spionage.Foto: dpa

Heute wird das Transatlantische Freihandelsabkommen, kurz TTIP, bei Reden oft in einem Atemzug mit den jüngsten Verwerfungen durch die NSA-Spionage erwähnt. Und nicht wenige auch im deutschen Regierungslager fordern, manche schon nicht mehr hinter vorgehaltener Hand, jetzt auf die europäisch-amerikanischen Verhandlungen zu verzichten, bis, sagen wir, Wohlverhalten der USA erkennbar wird. Das ist natürlich Unsinn.

Schon der alte Lord Palmerston (nein, nicht Talleyrand!) wusste, dass Staaten keine Freunde kennen, sondern nur Interessen. Und um Interessenwahrung geht es hier, muss es auch der Bundesregierung gehen, bei allem nur zu verständlichen Ärger über das unfreundliche Verhalten der US-Administration. Doch Regierungen wechseln, Verträge bleiben. Dieses Abkommen ist, gerade vor dem Hintergrund der europäischen Geschichte, eines, das geschlossen werden sollte, um zu überdauern.

Die Erinnerung an das Jahr 1914 ist auch in diesem Sinn eine Mahnung. Neun Millionen Soldaten starben, sieben Millionen Zivilisten, schier unvorstellbar viele Opfer. Es war der erste industrielle Krieg, Europa geriet in eine Spirale der Gewalt, versank im Chaos, war wirtschaftlich am Boden, die Menschen mussten alles entbehren. Das darf nie wieder geschehen, sagen die Politiker heute mahnend, hundert Jahre später – und mahnen damit sich selber. Denn sie sind es, die danach handeln müssen, in einem an seinen Rändern wieder unfriedlich gewordenen Europa umso mehr. Wie? Durch eine fortwährende, fortgeschriebene Vernetzung der Interessen.

Kann aus TTIP eine Art „Wirtschafts-Nato“ werden?

Der britische Historiker Neill Ferguson sieht im Freihandel einen Schutz vor Terror. Das ist im Grunde die weitergedachte deutsche Formel vom Wandel durch Handel: Werte und wirtschaftliche Interessen stehen einander nicht feindlich gegenüber, besagt sie, im Gegenteil: Das eine kann das andere hervorrufen und stärken. Oder sofern schon eine Kongruenz in den Werten vorhanden ist, kann die sinnvolle Ergänzung weiteren Schutz produzieren. Denn je mehr Wohlstand wertegestützt ist, desto geringer werden die Angriffsflächen für Agitation, Propaganda und Ideologie, sei sie politisch oder religiös motiviert.

Der Ausgleich muss dann, wenn das als eine ethische Grundlage zwischen den Verhandlungspartnern anerkannt ist, darin bestehen, Normen und Standards zu vereinbaren. So war es weiland mit der Montan-Union, so ist es heute. Nur dass Europäer heute mit dem Blick nach außen auch erkennen sollten, was andere für Standards anbieten, dass diese nicht immer den eigenen unterlegen sind. Manche sehen zum Beispiel im Pharmasektor die amerikanischen Standards als die höheren an.

Richtig gesehen kann aus TTIP eine Art „Wirtschafts-Nato“ werden, wie der Unternehmer Stefan Quandt neulich hervorhob. Kein Regime wie bei der World Trade Organization (WTO), das zu viele zum Widerspruch reizt, keine Herausforderung der USA zum Protektionismus 2.0, sondern die Hinwendung von aberhundert Millionen Menschen zu einem offenen, demokratischen Markt der Möglichkeiten. Der Vernetzung stärkt, was im Wettbewerb mit China und anderen Großen hilft, und außerdem gesellschaftliche Zufriedenheit stiftet. Das zu besiegeln, dafür wäre 2014 ein gutes Jahr.

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