Meinung : Transrapid: Sonderzug nach China

Das Fest hätten wir schon vor Jahren in Berlin feiern können. Nun stoßen die Herren vom Transrapid-Konsortium mit den Chinesen im fernen Schanghai auf den Vertragsabschluss an. 2003 werden die Menschen in der 13-Millionen-Stadt Schanghai auf dreißig Kilometern magnetisch zwischen dem Flughafen und der Stadt schweben. Eine bahnbrechende neue Technologie aus Deutschland findet ihre erste Anwendung im fernen Osten. Invented in Germany, aber hier nicht akzeptiert. Ein Muster erfolgreichen Blaupausen-Exports oder ein Armutszeugnis für die deutsche Innovationskultur? So wie seinerzeit bei der deutschen Erfindung des FAX, das Japaner zu einem Welterfolg machten?

Die Leidensgeschichte der Magnetschwebebahn in Deutschland ist lang. 1922 hat Hermann Kemper sie erfunden, 1934 als Patent angemeldet. Er hat nichts davon gehabt - nur einen Orden 1972. Auslöser für die Erfindung war sein Ärger über den Lärm und Ruß durch die Eisenbahn vor seiner Wohnung. Ab 1969 gab es diverse Machbarkeits-Studien vom Verkehrsminsterium für eine "Hochleistungs-Schnellbahn". Sie sollte in einem großen "S" von Hamburg nach München führen. Da war die neue schnelle Bahn noch für lange Strecken geplant. Aber die Rad-Schiene-Technik blieb Sieger. Ob das wirtschaftlich die bessere Lösung ist, mag man angesichts der enormen Baukosten der neuen ICE-Strecken und ihrer hohen Verluste heute bezweifeln. Aber die Bahnlobby war stärker. Die Zahlen und guten Argumente sprachen ganz offenbar gegen die Einführung eines neuen Systems zusätzlich zum dichten und gut funktionierenden deutschen Eisenbahnnetz. Die Japaner haben dann gezeigt, wie man eine neue Schwebetechnik neben den alten Schienen bauen und auch erfolgreich betreiben kann. In Deutschland schien voriges Jahr mit der Aufgabe des Projekts von Hamburg nach Berlin endgültig die Totenglocke für den Transrapid geläutet zu haben. Häme herrschte bei den Gegnern.

Warum geht nun in China, was hier nicht gelingen wollte? Das Land befindet sich in einem großen Aufbruch. Die Lust auf Modernität ist zu einem Merkmal insbesondere im Süden des großen Landes geworden. Der Entwicklungsdruck ist enorm hoch, Enscheidungen fallen schnell. Regionen und Städte liegen miteinander in einem heftigen Wettbewerb, Schanghai mit Hongkong und Kanton. Wer die modernere Infrastruktur hat, ist stolz darauf und hat die Nase vorn. Gerechnet wird auch, aber die Begeisterung des Premiers Zhu Rongji für den Transrapid nach seiner Probefahrt im Emsland war mit entscheidend für den Zuschlag. In politischen Systemen wie in China setzt sich eine solche "obrigkeitliche Gunst" schnell in Taten um. Entscheidungsprozesse in demokratischen Systemen verlaufen aus guten Gründen bei großen Projekten meist langwierig (Flughafen Schönefeld) - auch auf die Gefahr hin, dass am Ende keine vernünftigen Ergebnisse stehen.

Auch hier zu Lande hätte ein begeisterter Kanzler für eine derartige Innovation etwas bewirkt. Aber sie und das Geld waren offenbar schon für die Expo verbraucht. Beim Transrapid-Konsortium herrscht nun Freude über den lang ersehnten Erfolg und über ein Projekt im Werte von zweieinhalb Milliarden Mark. Davon kommen etliche Hunderte Millionen den Waggonbauern, den Signaltechnikern und den Herstellern der Antriebstechnik in Deutschland zugute. 200 Millionen will Hans Eichel zuschießen. Das bringt Arbeitsplätze und Gewinne. Die Aktienkurse von Thyssen-Krupp haben schon freundlich reagiert. Aber noch wichtiger: Der Innovation Transrapid ist wieder neues Leben eingehaucht. Über seine optimalen Einsatzbereiche sollte man dabei noch einmal nachdenken. Von Schanghai soll es nach 2003 weiter nach Peking (1300 km) gehen. Das macht Sinn. So viel Sinn wie eine "Ost-Erweiterung" mit Transrapid-Strecken von Deutschland nach Warschau, Petersburg und Moskau. Verbindungen zwischen München und seinem Flughafen können auch hier nur erste Phasen sein. Nur wann sind sie soweit? Vielleicht lassen wir in Deutschland den Transrapid doch besser von den Chinesen planen, bauen und betreiben. Dann könnten wir wesentlich früher auf die Eröffnung einer ersten Strecke anstoßen.

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