Trash-TV : Promis, Kakerlaken und Tattoos

W ie war das mit den Geistern, die man rief? Vor ein paar Tagen hatte Ministerpräsident Günther Oettinger die Qualität der TV-Sender RTL2 und Super RTL gegeißelt. Er deutete an, dass solches "Scheiß-Fernsehen“ mitschuldig sei an der zunehmenden Gewaltbereitschaft von Jugendlichen. Starke Worte.

Markus Ehrenberg

Man kann gegen Inhalte und Zuschauer privater Sender vieles sagen. Wer sich jeden Abend Kakerlaken lutschende C-Promis („Dschungelcamp“) oder flächendeckend Tätowierte anschaut, die sich im Wohncontainer langweilen („Big Brother“), wird aller Wahrscheinlichkeit nach in Zukunft nicht Kafka und Habermas lesen. Aber wird er deshalb permanent zu brutalen Attacken angeregt? Der mittelbare Zusammenhang zwischen Gewaltdarstellungen im Fernsehen und der Gewaltbereitschaft Jugendlicher, den die bayerische Justizministerin Beate Merk am Wochenende hergestellt hat, kommt der Wahrheit sicher näher als Oettingers Pauschalvorwurf. Wenn sich in nachmittäglichen Talkshows die Vertreter des Prekariats verbal die Köpfe einschlagen, dann ist tatsächlich nicht auszuschließen, dass das unsere Gesellschaft ein Stück gewalttätiger macht.

Andererseits: Müsste dann nicht die gesamte Bilder-, Film- und Fernsehkultur aus den Angeln gehoben werden? Selbst die hochgelobte RTL-Krimiserie „CSI“ kommt nicht ohne sezierte Körperteile und tiefe Blicke in Wunden aus, die man sich übrigens auch bei Gunther von Hagens’ „Körperwelten“ und in jedem zweiten „Tatort“ anschauen kann. Fernsehen, auch das private, bildet im Grunde genommen nur Wirklichkeit ab. Und mal abgesehen davon, dass gerade Super RTL harmlose Trickserien zeigt, darf ein medial versierter Politiker daran erinnert werden, dass das Privatfernsehen rein qualitativ nicht über besonders hohe Hürden springen muss. Im Unterschied zu ARD und ZDF haben RTL, Sat1 & Co. keinen öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag. Da nützt nachträgliches Geschimpfe wenig. Es war Oettingers konservativ-liberale Seite, die Anfang der 80er mit der geistig-moralischen Wende unter Kohl ein ganz anderes Fernsehen möglich gemacht hat: allein durch Werbung finanziertes Privat-TV.

Die Geister, die man rief. Das sind: Tutti Frutti, Gerichts-TV, Abzockerquizshows, Dschungelcamps, mehr Voyeurismus, mehr Gewaltdarstellung. Als Gegengewicht zum gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Block übrigens, dessen Inhalten sich Günther Oettinger auch mal widmen sollte. Von blutigen Familiendramen, Neuem aus der Welt der Reichen und Schönen („Brisant“), Bruce Darnell und Christiansens jüngster Promiparade (Spiegel online: „Der Untergang des Abendprogramms“) bis zum „Dschungelcamp“ ist es kein allzu weiter Weg mehr.

Wenn Oettingers Bemerkungen dazu führen, sich wieder verstärkt darüber Gedanken zu machen, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk anders machen kann als das „Scheiß-Fernsehen“ – Stichwort Kulturgut –, dann lässt es sich mit den Geistern besser leben.

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