Trauerkult um Steve Jobs : Du, Herr Jobs...

Johannes Schneider wundert sich nicht über den Trauerkult um den früheren Apple-Chef Steve Jobs. Was ihn wundert, ist der Drang der Fans, ihr Idol zu duzen.

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Steve Jobs verstarb am 5. Oktober 2011. In aller Welt trauern Apple-Fans um den Mitbegründer des Computerherstellers Apple.Weitere Bilder anzeigen
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06.10.2011 15:05Steve Jobs verstarb am 5. Oktober 2011. In aller Welt trauern Apple-Fans um den Mitbegründer des Computerherstellers Apple.

Es ist nicht, dass der Tod eines weltberühmten Hardwareentwicklers die Menschen beschäftigt. Es ist auch nicht, dass viele glauben, Steve Jobs gemocht zu haben. Ein Sympathiegefühl kann sich über mediale Repräsentation entwickeln, das war schon bei Lady Di nicht verwerflich. 

Es ist das enthemmte Geduze, das so verstörend ist: In Deutschland duzt man gemeinhin Familienmitglieder, Freunde, Gott, so man an ihn glaubt, und noch ein paar andere. Bisher ist hierzulande keiner auf die Idee gekommen, einen Unternehmenschef zu duzen. Bei aller Liebe – nicht einmal die Chefs ihrer Autokonzerne würden die Deutschen duzen. Dieter und Ferdie – das hat man noch nicht gehört, und das ist doch auch ganz gut so.

In einem Land zu leben, in dem sich die Menschen zumindest im Gebrauch der Höflichkeitsformen noch der Tatsache bewusst sind, dass Vertrautheit mit unbekannten Interessenverfolgern völlig unangebracht ist, ist ein Privileg. Umso verstörender, wenn sich plötzlich alles ändert: „Danke, Steve“, „Danke dir, Steve“, „RIP, Steve“ Etc ... überall ist es zu lesen: auf Facebook, auf Twitter, vor den Apple-Geschäften.

Stockholm-Syndrom, kryptoreligiöse Gefühle – man muss vielleicht nicht gar so tief bohren, um das Ganze zu erklären. Wahrscheinlich ist es einfach nur eine Anlehnung an die amerikanischen Trauerformulierungen. Warum sollte man auch den Jobs nennen, den selbst seine Mitarbeiter Steve nannten? Trotzdem bleibt das schale Gefühl des Distanzverlusts: Wo Journalisten sich bei „Steve“ dafür bedanken, dass sie heute – dank seiner Gadgets – bessere Vertreter ihrer Profession sind, können sich andere, wie der Autor dieser Zeilen, nicht des Gefühls erwehren, dass irgendetwas falsch läuft.

Was also nun tun? Einen Siez-Zwang einfordern? Die Öffentlichkeit dort auf kritische Selbstüberprüfung verpflichten, wo sie einen mental adoptiert, zu dem sie faktisch in einem gänzlich anderen Macht- und Abhängigkeitsverhältnis steht? Das wäre ebenso albern wie die plumpen Traueradressen in Richtung „Steve“. Aber gelegentlich mal in die Runde fragen „Habt ihr sie noch alle?“ muss auch in Zeiten der Trauer erlaubt sein.

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