Meinung : Trauerspiel mit dem Mauer-Gedenken

„Neue Front am Checkpoint Charlie“

vom 27. Mai

Als Referent der politischen Bildungsarbeit und Stadtführer vernehme ich von meinen Gruppen oft den Wunsch, „die Mauer zu sehen“. Dann habe ich die Wahl zwischen dem Teufel und Beelzebub: In der Bernauer Straße begrüßt das neue Gedenkstätten-Ensemble die Besucher mit viel angerostetem Metall. Bei Denkmal-Designern mag das ja „in“ sein, aber für viele Bürger sind diese Roststelen, Roststäbe und Rostwände optische Umweltverschmutzung und auf der didaktischen Ebene eine Katastrophe! Unzählige Male musste ich verwirrten Gruppen erklären, dass diese Objekte – auch der neu gebaute Aussichtsturm – nicht zur Berliner Mauer gehörten. Am Checkpoint Charlie ist man dann dem touristischen Tschingderassabum mit als Soldaten verkleideten Studenten und dem Disneyland-Nachbau des früheren Kontrollgebäudes ausgeliefert. Da helfen auch die Info-Wände nicht mehr – hier mutiert der Tod an der Mauer zum touristischen „Erlebnis“. Am Ende bleibt mir nur noch der verbliebene Mauerabschnitt an der Niederkirchnerstraße, wo man den Teilnehmenden einigermaßen authentisch die Geschichte dieses entsetzlichen Bauwerkes vermitteln kann. Schade! Die Berliner, die unter der Mauer leiden mussten, hätten Besseres verdient! Was das von Frau Professor Frank propagierte „Heritage“-Modell betrifft: Meistens handelt es sich nur um billigste Effekthascherei, Lerneffekt fast null.

Niko Rollmann, Berlin-Prenzlauer Berg

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