Meinung : Traumdeutung

„Wächter des Schlafs“ vom 23. August

Das Hirn träumt sicher nicht, ist aber aktiv, während der Schläfer träumt. Wir wissen nicht, wovon wir träumen werden; wir wissen auch nicht, ob und wann und was wir erinnern werden. Elektrophysiologische Potentiale des Hirns während des Träumens sind Teilaspekte einer einzigen natürlichen Wirklichkeit, die wir „Träumen“ nennen. Beides, die Elektropotentiale wie das bildhafte innere Geschehen, sind aufeinander bezogene (komplementäre) Aspekte des Traums. Das eine ist ohne das andere nicht zu verstehen; erst beides ergibt Sinn. Man kann das Träumen nicht auf die Hirnaktivität reduzieren. Es war ein Menschheitstraum, (Nacht-) Träume zu verstehen. Freud hat einen ersten wissenschaftlich-rationalen Versuch gemacht, für das Träumen eine natürliche Erklärung zu finden, keine metaphysische oder religiöse. Die eine „richtige“ Deutung des Traumes gibt es nicht. In der modernen Psychotherapie werden überhaupt keine Träume „gedeutet“; man arbeitet aber mit den Traumbildern. Dies geschieht z.B., indem man über dasjenige spricht und nachdenkt, was dem Träumer zu seinem Traum einfällt (Realeinfälle). Auf diese Weise ergeben sich vielfach sehr überraschende Bezüge zu dem tatsächlichen Leben und Erleben des Träumers, über die nachzudenken sich lohnt. Die Zusammenhänge müssen jedoch dem Träumer – und dem Therapeuten- plausibel werden im Kontext der ganzen Persönlichkeit des Träumers, sonst bleiben sie irrelevant. Diese einfache Form des gedanklichen Umgangs mit Träumen steht auch Therapeuten offen, die nicht psychoanalytisch erfahren sind und sogar jedem Laien. So besehen sind die von der Psychologin Strauch befragten Kinder sehr lebensklug: Sie haben den Zusammenhang zwischen ihren Träumen und ihrem erlebten Verhalten auch ohne elektrischen Test – allein aus ihrer natürlichen Erfahrung – erfasst.

Dr. Richard Kettler, Ärztlicher Leiter ARGORA Klinik, Berlin-Charlottenburg

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