Meinung : Trialog: Auf alten Mauern Neues bauen

Wolfgang Schäuble ist Präsidiumsmitglied

Es fällt oft nicht leicht, Richard Schröder zu widersprechen. Jetzt hat er "für den Wiederaufbau deutscher Geschichte" plädiert. Das ist zumindest missverständlich. Gewiss, wer nicht weiß, woher er kommt, weiß auch nicht, wohin er geht. Also ist Geschichte immer die Grundlage für die Zukunft. Aber um die muss es gehen, und deshalb kann "Wiederaufbau" zu leicht als nur rückwärtsgewandt missdeutet werden.

Die bloße Restauration bringt uns nicht weiter. Auch nicht im Städtebau und in der Architektur. Bewährtes mit Neuem verbinden ist der richtige Weg. Wie viel weniger Faszination ginge vom Reichstag aus, wenn wir nicht den Architekten zu der modernen Kuppel überredet hätten? Das wird auch für das Stadtschloss gelten. Das Ensemble vom Brandenburger Tor bis zum Stadtschloss muss vervollständigt werden. Aber ehe gebaut wird, muss geklärt werden, wozu, und was immer gebaut wird, muss dann diesem Zweck gerecht werden. In und auf alten Mauern Neues.

So verhält es sich auch mit Geschichte und Identität. Nation und Europa sind keine Gegensätze, in der Vergangenheit nicht und in der Zukunft schon gar nicht. Auf die Bindung der Menschen aus ihrer nationalen Zugehörigkeit bleibt die europäische Einigung angewiesen, wenn sie gelingen soll. Gerade in unserer Zeit von Globalisierung, Entgrenzung und Beschleunigung wissenschaftlichen und technischen Fortschritts wächst auch das Bedürfnis nach Nähe und Vertrautheit. Darauf gebaut bleibt eine Ordnung der Freiheit stabiler. Und die meisten Menschen empfinden eben den Nationalstaat als wichtigste Ebene für Rechtsstaat und demokratische Legitimation.

Aber Geschichte war immer auch europäisch - von Athen und Rom über Reformation, Aufklärung, Absolutismus, Revolution bis zu den Verirrungen im 20. Jahrhundert, so wie der Nationalstaat selbst Ergebnis europäischer Geschichte ist. Einheit und Vielfalt. Daran kann weitergearbeitet werden. Für uns Deutsche wie für alle anderen Europäer ist europäische Einigung die beste Vorsorge für die Zukunft.

Die europäische Währung wird ein wichtiger Schritt sein, nicht nur um in der globalisierten Wirtschaft unsere Interessen besser zu wahren, sondern auch um europäisches Bewusstsein wachsen zu lassen. Die Bundesregierung scheint das wenig zu kümmern. Glaubt man denn ernsthaft, die Umstellung von Banknoten, Münzen und Rechnungseinheiten zum 1. 1. 2002 sei nur ein technischer Vorgang, der die Menschen nicht weiter berühren werde?

Im Jahr 1998 wurde viel Mühe aufgewendet, um die Menschen von der Richtigkeit der Euro-Entscheidung zu überzeugen. Vergleichbares ist derzeit nicht einmal im Ansatz zu erkennen. Der Bundeskanzler hat noch nicht einmal ein "Bündnis" gefordert, was er ja ansonsten immerhin tut, wenn er die Verantwortung der Regierung auf andere abschieben will. Und der Außenminister scheint mehr mit seiner eigenen Vergangenheit beschäftigt zu sein als mit unserer Zukunft. Europa aber ist unsere Zukunft. Und um die Menschen dafür zu gewinnen, muss man das erklären, wieder und wieder. Geschichte ist die Grundlage. Aus ihr wächst Zugehörigkeit. Der Zukunft gilt unsere Verantwortung. Also besser Weiterbau statt nur Wiederaufbau.

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