Meinung : Trialog: Augen für den Osten

Antje Vollmer ist Vizepräsidentin des Deutsch

Ich weiß nicht, ob Richard Schröder hellseherische Fähigkeiten hat oder nur einen guten Zugang zum Internet. Jedenfalls hat er, vorahnend schon, thematisiert, was in der kommenden Woche Thema im Deutschen Bundestag sein wird: Der Bericht zum Stand der Deutschen Einheit. Das Thema benannt zu haben, heißt nicht, schon dicht an der Lösung zu sein. Ich zum Beispiel gestehe eine wachsende Ratlosigkeit, die in den letzten Jahren zugenommen hat. Dabei gehörte ich vor der Wende zu dem durchaus begrenzten Kreis der Bundespolitiker, die nicht nur Sonntags-Termine, sondern regelmäßige enge Kontakte zu vielen Freunden, Institutionen und auch offiziellen Vertretern der DDR hatten. In der Wendezeit war ich fast mehr in Ost-Berlin als in Bonn - damals war mir das Land oft näher und verständlicher als heute. Zwar haben die dramatischen wirtschaftlichen Einbrüche im Osten mich nicht überrascht. Dass Resignation und Vorurteile der (notwendige) Preis für zu großes Tempo der Veränderungen sind, hat mich auch nicht verwundert. Dass dieser Prozess Verlierer hat, entspricht der Lebenspraxis. Auch ahne ich seit langem, dass die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit nicht so gelöst werden kann, dass der Westen, der selbst in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit einen völlig anderen Weg gewählt hatte, dem Osten mal eben zeigt, wie man es richtig macht. Vermutlich zieht die PDS aus diesem Thema mehr Zustimmung als aus dem der wirtschaftlichen Benachteiligung.

Das alles festzustellen ist eine Sache. Auch nur zu ahnen, wie ein gutes Gespräch und echte Verständigung laufen könnte, ist viel schwieriger. Ich stimme Richard Schröder zu, dass der Überlegenheitsgestus nervt, mit dem der Westen gelegentlich überprüft, ob sich der Osten nun zu seinen Höhen hochgearbeitet hat. Das billige Ressentiment ist in Ost wie in West ein Blitz im Kopf, der gerade deswegen so wirkungsvoll ist, weil er den Verstand ausschaltet, aber Erregung ableitet.

Ich kann nur sagen, was ich sehe, wenn ich heute durch den Osten fahre. Ich sehe, dass sich die interessanteste Kunstszene zurzeit nicht in West-Berlin, sondern rund um die Auguststraße in Mitte etabliert. Ich sehe, dass Ost-Berlin mit aller Chuzpe aber ziemlich erfolgreich seine Theater und Opern verteidigt. Ich sehe, dass die schönsten Städte im Osten entstehen, schon heute ist Leipzig schöner als Frankfurt und Görlitz schöner als Rotenburg ob der Tauber.

Ich weiß, dass die Museumsinsel ein Traum und Dahlem dagegen verlieren wird. Die zentrale Universität Berlins wird die Humboldt-Uni sein und nicht mehr die Freie Universität. Der Park von Wörlitz ist bereits Weltkulturerbe, während wir in dem ebenso bedeutenden Bergpark von Kassel demnächst einen unnötigen Flughafen bauen sollen. Die Frauenkirche in Dresden ist eine echte Sensation, ein Produkt von Bürgerfantasie, während das Berliner Schloss sich mühselig durch die Gremien kämpfen muss.

Das alles sehe ich: viel Schönes und Mitreißendes. Da mag von mir aus jammern wer will, die nächste Generation wird dieses Lebensgefühl nicht mehr teilen, und die nächste Politikergeneration wird daraus keinen Honig mehr saugen. Der Osten Deutschlands wird nicht nur schön, er wird mit der Etappe der Öffnung Europas nach Osten auch zunehmend eine spannende politisch-ökonomische Brückenfunktion haben. Mich langweilt das Bleigewichtige in der Debatte, und ich fange an, das laut zu sagen.

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