Meinung : Trialog: Der Damm hält

Richard Schröder ist Professor für Theol

Die Stasi hatte für den Ernstfall Internierungslager vorbereitet mit namentlich ausgefüllten Haftbefehlen. Der Lehrkörper der Kirchlichen Hochschule Naumburg, dem ich angehörte, sollte in Seeburg inhaftiert werden. Da sich nun einmal viele Westdeutsche das Leben eines Christen in der DDR nicht vorstellen können, will ich mich über Antje Vollmers Mutmaßung, ich erwarte von den Kirchen zahnlose Erklärungen (verständliche erwarte ich!), nicht weiter aufregen und das Thema wechseln.

Im bioethischen Diskurs spielt das Dammbruchargument oder das vom schlüpfrigen Hang eine überragende Rolle. "Wehret den Anfängen" wird auch sonst gern in Deutschland zitiert. Ovid dachte seinerzeit nicht an Politik und Moral, sondern an den Flirt: Er kann schneller ernst werden, als dir hinterher lieb ist. Das Dammbruchargument: Wir müssen heute a verbieten, damit nicht morgen b geschieht. Wenn wir a zulassen, können wir b nicht mehr verhindern. Das ist aber gar kein Argument, sondern eine Prognose.

Gibt es Gründe für eine solche Prognose? Trends und Moden sind ein Beleg. Nach und nach hat sich der Ohrring bei Männern durchgesetzt. Das ist aber keine moralische Frage, sondern eine des Geschmacks, es sei denn, man wollte die anfängliche Provokationsabsicht kritisieren. Die wird durch den Dammbruch selbst durchkreuzt. Was üblich geworden ist, provoziert nicht mehr. Immer mehr Paare leben ohne Trauschein zusammen. Sie sagen: Unsere Beziehung beruht auf Zuneigung und nicht auf Behördenstempeln. Das ist kein moralischer Verfall, eher eine Unterschätzung des Institutionellen, das nicht nur Formelkram, sondern auch veröffentlichte Verbindlichkeit bedeutet.

In Deutschland nimmt Korruption zu. Bloß, die Öffentlichkeit sagt nicht: na und?, sondern empört sich weiter über jeden Fall, der bekannt wird. Die öffentlichen Maßstäbe sind nicht ruiniert. Wahrscheinlich bezieht das moralische Dammbruchargument seine Evidenz aus dem Trauma der Nazizeit. Als die Nazis anfingen, "lebensunwertes Leben" zu vernichten, haben einige Mutige sich in Predigten öffentlich dagegen gewandt. Daraufhin haben die Nazis die Aktion zunächst abgebrochen und dann heimlich weitergeführt. Den Massenmord an den Juden haben sie bewusst im Schatten des Krieges und mit höchster Geheimhaltung betrieben, weil sie trotz eines weit verbreiteten Antisemitismus in der Bevölkerung und einer Propagandamaschine ohnegleichen sich nicht zugetraut haben, öffentlich plausibel zu machen, was in Auschwitz wirklich geschah.

Im Herbst 1989 gab es in der DDR einen ganz anderen Dammbruch: immer mehr Menschen wagten es, gegen die SED zu demonstrieren. Die SED hatte ganz richtig erkannt: wenn man einmal zulässt, dass Kritiker ungestraft öffentlich das Wort nehmen, kommt es schnell zum Dammbruch. Deshalb: Wehret den Anfängen. Da sie das in Leipzig nicht vermochte, war es danach tatsächlich zum Glück zu spät. Ich finde keinen Beleg für moralische Dammbrüche in einer freiheitlichen Gesellschaft mit einer kritischen Öffentlichkeit. Wir sind nicht die letzten, die noch zwischen gut und schlecht unterscheiden können. Anzeichen eines Verfalls der öffentlichen Sensibilität kann ich nicht entdecken, reichlich aber einen kulturpessimistischen Hang zur Unheilsprofetie. Wir müssen die nächste Generation nicht vor sich selber schützen. Sie wird ohnehin einmal ohne uns entscheiden. Fördern wir lieber ihr Unterscheidungsvermögen.

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