Meinung : Trialog: Der Pazifist als Fundamentalist

Richard Schröder ist Professor für Theol

Eben noch waren die religiös motivierten Selbstmordattentäter ein verwirrendes Rätsel. Ihre Selbstlosigkeit und Radikalhingabe wurden bestaunt, obwohl sie doch höchsten Lohn für ihre Tat erwarten, - da sind wir schon beim nächsten Thema, einem gewohnten. Wir streiten über Gewissensentscheidungen und ob militärische Gewalt überhaupt legitim sein könne und ob die deutsche Politik gerade ihre Unschuld verliert. Das scheint mit Religion nichts zu tun zu haben. Wirklich nicht?

Das säkularisierte Publikum ahnt manchmal nicht, wie sehr es nach-christlich urteilt. Judentum, Christentum und Islam haben auch dies gemeinsam, da sie durch die Auslegung kanonischer Texte Lebensorientierung gewinnen. Deshalb haben sie, wie die Juristen, Auslegungsprobleme, insbesondere dann, wenn kanonische Texte auf neuartige Fragen antworten sollen. Dann scheiden sich die Geister. Die einen bleiben bei gewohnten Antworten, die Traditionalisten. Andere fordern Umsicht ein, die Berücksichtigung der Text-Intention und der neuen Situation. Dagegen protestieren die Fundamentalisten. Ein Zitat genügt als Fundament, Punkt. Der Stachel in den Texten des Neuen Testaments ist die Bergpredigt, zumal das Vergeltungsverbot und die Feindesliebe.

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Kann es überhaupt Politik nach der Bergpredigt geben? Dürfen Christen Soldaten sein? Eine Antwort war das religiöse Zweiklassensystem. Klerikern und Mönchen ist jede Gewaltanwendung verboten, für Laien gelten weniger strenge Regeln. Die andere Antwort ist die Bindung der Gewalt durch das Recht. Luther hat jenes Zwei-Klassensystem abgelehnt und stattdessen unterschieden zwischen der Christperson, die für sich, und der Amtsperson, die für andere, ihr Anvertraute, zu handeln hat. Aber nun gibt es auch die, die einfach sagen: keine Gewalt, nie, Punkt. Meine These: Eine Form des christlichen Fundamentalimus ist der Radikalpazifimus, auch in seiner säkularisierten Gestalt.

Diese Menschen sind mir ja sympathisch und jedenfalls sind sie eine lebendige Mahnung. Aber für konkrete Situationsanalysen erwarte ich nichts von ihnen, weil ihnen dafür die Umsicht fehlt. Im Islam liegt das Auslegungsproblem umgekehrt. Mohammed war zugleich Feldherr. Im Koran finden sich deshalb reichlich Texte des blutigen Kampfes gegen die Ungläubigen. Die Welt wird geteilt in das "Haus des Islam" und das "Haus des Krieges". "Dschihad ist das Mönchtum des Islam", heißt es im Koran. Also doch eine terroristische Religion?

Nein. Der Islam ist lernfähig. Der große Dschihad, heißt es heute, ist der Kampf gegen das Böse in mir. Und inzwischen wird ein drittes Haus anerkannt: Das "Haus des Übereinkommens", in dem Muslime zwar (leider) nicht herrschen, aber ungehindert ihre religiösen Pflichten erfüllen können. Fundamentalisten wollen davon nichts wissen. Sie erklären allen Ungläubigen den Tod und bestimmen selbst, wer ungläubig ist. Die allermeisten Todesopfer dieses Wahns sind - Moslems. Gekränktes Selbstwertgefühl spielt dabei sicher eine Rolle. Das kann zwei Ursachen haben: widerfahrenes Unrecht oder den unstillbaren Überlegenheitswahn. Der aber muss gekränkt werden. Leere Mägen dagegen machen keine Terroristen.

Ich ziehe daraus die Konsequenz: Es steht mit der Religiosität wie mit der Sexualität: Nur kultiviert sind sie lebensdienlich, entfesselt aber selbstzerstörerisch, weil sie die Umsicht beschädigen. Und für nichtreligiöse Weltanschauungen gilt dasselbe.

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