Meinung : Trialog: Die gestresste Nation und ihre Insel

Antje Vollmer ist Vizepräsidentin des Deutsch

Peter Sloterdijk, der unzynisch und unhysterisch Vernünftige, hat uns gelehrt, man könne viel über eine Nation erfahren, wenn man sie als konzentrierten Post- und Verkehrsraum versteht. Die Signale, die gesendet und empfangen werden, die Tonlage der Botschaften, die Qualität ihrer Bilder und Sprache, sie geben Auskunft über den mentalen Zustand der Nation. Sie ist also eine öffentliche Sende- und Empfangsstation, in der Romane, Leitartikel, Politikerreden Zeichen dafür sind, was eine Nation im Inneren zusammenhält, was sie beschäftigt und erregt. "In der Nation werden die erfolgreichsten Briefschreiber zu Klassikern", so Peter Sloterdijk. Und als Konsens der bisherigen Nationenbildung der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit fasst er zusammen: "Wir wollen kein Pathos an der Macht."

Richtig verstanden beschreibt er so die alte Rolle der alten Bundesrepublik. In der neuen hat sich inzwischen einiges geändert, auch im Sprachstil und in der Tonlage. Deswegen ist es auch möglich, die neue Rolle Deutschlands auf dem Hintergrund der Frage zu beleuchten, welche neuen Botschaften über dieses innere Kommunikationssystem zwischen Staat und Staatsbürger, zwischen Sender und Empfänger tickern. Auffällig ist, dass diese neuen Botschaften wie Stressfaktoren ausgesandt werden: Neue Aufgaben, neue Verantwortungen, neue Missionen hat das größer gewordene Deutschland zu erfüllen. Die Nation verschickt Einberufungsbefehle zu neuen Herausforderungen im umfassenden Sinne. Sie verschickt sie an Soldaten, an Parlamentarier, an die Staatsbürger schlechthin.

Überhaupt ist viel Aufbruchstimmung und viel Selbstmissionierung. Auch im Reich des Neuen, auf dem Gebiet der Innovationen, haben wir uns permanent neuen Horizonten zu stellen. Kaum ist die Frage über Krieg und Frieden vorerst zu einem Entschluss gekommen - wenn auch auf ungewöhnlich stressintensive Weise -, wird die Frage der Schöpfung und der in sie erlaubten Eingriffe auf die Tagesordnung gesetzt. Auch das ist eine Frage, die viel Moral, viel Erregung, viel Polarisierung erzeugt, also viele innere Stressfaktoren.

In dem allen erscheint es mir wie eine glückliche Insel, dass heute eines der weltweit größten Kulturprojekte in Deutschland einen guten Schritt vorankommt. Die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel wird wieder eröffnet - eine weitere Landnahme in dem Lebenswerk, dem sich der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, und der Generaldirektor der staatlichen Museen zu Berlin, Peter-Klaus Schuster, gemeinsam verschrieben haben.

In der Alten Nationalgalerie des Romantikers auf dem Preußenthron sollte sich die Nation ihrer selbst vergewissern. Sie hat es in der Jahrhundertausstellung des Jahres 1906 getan, die eine Legende wurde. Damals gab es zum letzten Mal ein inneres Maß, eine Haltung der Schönheit und Selbstbegrenzung. Bald danach geriet Berlin auch ästhetisch aus den Fugen.

Das Konzept von Lehmann und Schuster ist auch ein politisches: Es ordnet die Selbstvergewisserung der Nation in einen historischen Zeitraum von 6000 Jahren Kunst- und Kulturgeschichte und in einen europäischen und außereuropäischen Zusammenhang ein. Das ist ein Globalisierungsprojekt anderer Art, mit einem unromantischen, ganz und gar unpathetischen Ansatz. Die kulturelle Handschrift der alten Berliner Museen war nicht genialisch und nicht missionarisch. Sie war im Geiste Humboldts, wissenschaftlich, dem Ganzen verpflichtet, weltoffen, enzyklopädisch. Es lohnt sich, auf die Insel zu gehen. Sie liegt nahe genug beim Regierungsviertel.

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