Meinung : Trialog: Die Wehleidigkeit der Terroristen

Richard Schröder

Was sind die Ziele der Terroristen vom 11. September? Antje Vollmer spricht von nihilistischem Terrorismus, der keinen Machtwechsel und keine ideologischen Ziele verwirklichen will, sondern Chaos und Untergang anstrebt. So haben Dostojewski und Turgenjew seinerzeit die russischen Terroristen gedeutet, die man Nihilisten nannte. In Wahrheit sahen sie im Zarismus einen so furchtbaren Feind der Menschheit, dass ihnen jedes Mittel, einschließlich des Selbstopfers, recht war. Zum Selbstmordattentat bedarf es also gar keiner Religion, immer aber eines apokalyptischen Feindbildes, wie es auch die RAF gepflegt hat.

Wolfgang Schäuble sagt: Terroristen "wollen Freiheit durch die Herrschaft von Angst und Schrecken ersetzen". Sie kennen keine Toleranz und verdienen sie auch nicht. Dem Letzteren stimme ich ganz entschieden zu. Angst und Schrecken wollen sie aber immer nur bei ihren Feinden verbreiten. Abgesehen vielleicht vom Unabomber von Oklahoma wollen Terroristen auch ihrem Publikum gefallen. Die Motive für diesen monströsen Massenmord sind weder unergründlich noch völlig abartig. Ich sage das nicht, um ein bisschen Nachsicht zu üben von der Art: kein Wunder, wenn man bedenkt, wie der Westen die islamische Welt behandelt hat. Diese Tonart halte ich für unerträglich. Wir müssen aber begreifen, wie nahe das Böse liegt. Die terroristische Logik ist uns nämlich wohlbekannt: "Macht kaputt, was euch kaputt macht." Den Spruch finden manche unter uns schick. Er ist gefährlich wehleidig.

Antje Vollmer fragt, wie man die Ursachen angehen soll, die dem Terrorismus Menschen als lebende Waffen zutreiben, nennt aber keine. Eine gewichtige Ursache hat Wolfgang Schäuble genannt: "In der Anonymität wächst das Böse." Einige Attentäter sind aus Deutschland zur Tat gereist und hier niemandem aufgefallen. Ich glaube zwar nicht, dass mehr Kollegialität und Nachbarschaftlichkeit ihre gewollte Selbstisolation aufgebrochen hätte. Aber grundsätzlich stimme ich ihm zu: Die "multikulturelle" Gesellschaft wird zur gefährlichen Nischengesellschaft, wenn wir uns nicht um Integration kümmern. Denn Selbstisolation und Wahrnehmungsverweigerung sind die anderen Hauptursachen für Terrorismus. Auch dies belegt die RAF, die sich je länger je mehr eine revolutionäre Situation in einem imperialistischen Staat eingebildet hat.

Man konnte nun öfter lesen, wir sollten den Terrorismus bekämpfen, indem wir seine Ursachen beseitigen, nämlich Armut und Unterdrückung. Ich kenne kein einziges Beispiel für Terrorismus aus materieller Not, wohl aber Beispiele dafür, dass gekränktes Selbstwertgefühl Terroristen gemacht hat. Das gekränkte Selbstwertgefühl hat jedoch nicht immer Recht. Die massive Kritik, die nicht wenige in der islamischen Welt am Westen üben und die manche zum Beifall für das Verbrechen veranlasst hat, hält uns zwar den Spiegel vor - worüber ein andermal zu reden wäre - aber einen inakzeptablen Zerrspiegel. Wer die westliche Welt zum Satan erklärt, in Sittenlosigkeit versunken, einem ansteckenden Krebsgeschwür gleich, kennt den Westen nicht. Er macht ihn zum Sündenbock, und das ist immer eine erschlichene Selbstentlastung. Hier haben unsere Moslems in Europa und Amerika eine Aufgabe als Dolmetscher. Sie wären ja nicht freiwillig und auf Dauer hier, wenn sie so dächten. Die Terroristen selbst können wir nicht bekehren, sondern nur bekämpfen, in einer Allianz aller Kulturen.

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