Meinung : Trialog: Ein Glück - für die Einheit

Richard Schröder ist Professor für Theol

Das wird eine denkwürdige Woche für Berlin. Ich meine aber nicht das, woran alle denken, sondern einen Gedenktag. Am 20. Juni vor zehn Jahren fiel in Bonn die Berlin-Entscheidung. Ein Jahr zuvor dachten wir in der Volkskammer noch, da gebe es gar nichts zu entscheiden, weil wir doch immer aus Bonn gehört hatten, Berlin sei die Hauptstadt Deutschlands und Bonn nur die provisorische Hauptstadt der Bundesrepublik. Dann hörten wir plötzlich: Hauptstadt ja, aber doch nicht Parlaments- und Regierungssitz! Da wir uns nicht einigen konnten, blieb die Frage zu unserer großen Enttäuschung unentschieden. Der erste gemeinsame Bundestag sollte entscheiden. Dass der sich knapp (338:320) für Berlin aussprach, war eine Überraschung.

Die Gründe der Bonn-Befürworter waren dürftig. Sie sahen den Föderalismus in Gefahr und die Bonner Region verarmen. Aber sie waren mächtig. Die kleine Zahl ostdeutscher Abgeordneter konnte nichts durchsetzen. Aber sie fand prominente Unterstützung, von Willy Brandt und Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble und Hans-Jochen Vogel, von Burkhard Hirsch und Erhard Eppler. Deren Gründe: Das ist eine Frage unserer Glaubwürdigkeit, das ist eine Entscheidung für die Vollendung der deutschen Einheit und für die Überwindung der Teilung Europas. Ein Glück, sie haben sich durchgesetzt. Die gegenteilige Entscheidung wäre eine Katastrophe für die deutsche Einheit gewesen.

Was ist aus dieser Entscheidung geworden? Parlament und Regierung haben sich reichlich Zeit gelassen, aber nun sind sie da. Der Umzug erfolgte geräuschlos. Berlin erlebt einen Touristenboom. Die Reichstagskuppel ist nicht nur eine Attraktion, sondern auch ein akzeptiertes Symbol der deutschen Hauptstadt. Die Berliner Mitte hat sich sehr zu ihrem Vorteil verändert. Die Mitte zeigt urbanes Leben, der fernere Westen und der fernere Osten sind stehen geblieben.

Berlin hat seine spezifischen Einigungsprobleme. Der Osten, ehemals "Hauptstadt der DDR", ist wie keine andere ostdeutsche Stadt von der PDS dominiert. Und Westberlin war einerseits ein weltpolitisches Symbol westlicher Solidarität, bei näherem Hinsehen aber andererseits ein exotisches Biotop hinter der Mauer, subventionsverwöhnt, ein Aussteigerparadies (der ASTA der FU hat noch immer den Sowjetstern im Logo) und ziemlich verfilzt.

Dass zwei so verschiedene Stadtteile verhältnismäßig unkompliziert über die letzten elf Jahre gekommen sind, ist durchaus eine politische Leistung auch des Regierenden Bürgermeisters Diepgen. Aber das Land Berlin macht immer noch den Eindruck eines Patienten auf Entziehungskur. Die Haushaltspolitik hat den Verlust der Westberlin-Subventionen noch immer nicht verkraftet und präsentiert wieder einmal ein Milliardenloch. Nicht wenige Westberliner leiden noch Insel nostalgisch unter dem Bedeutungsverlust durch Normalität und ähneln darin denjenigen Ostberlinern, die darunter leiden, dass sie zu DDR-Zeiten bedeutender waren als heute. Wie auch immer die gegenwärtigen Turbulenzen ausgehen, Berlin braucht noch einen kräftigen Schub nach vorn, um das zu werden, wofür die Touristen es schon halten: eine europäische Metropole.

Derweil erfreue ich mich ganz unpolitisch daran, wie schön Berlin vom Wasser aus ist, ein Anblick, der uns verwehrt war, als die Mauer noch stand - und über die wir am 13. August noch einmal Klartext reden müssen.

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