Meinung : Trialog: Forschen ist fragen

Wolfgang Schäuble ist Präsidiumsmitglied

Fragen und Forschen gehören zum Wesen des Menschen. Dafür sollten wir offen bleiben. Aber nach den Gesetzen von "political correctness" werden in öffentlichen Debatten - allem grundsätzlichen Pluralismus zum Trotz - oft schon Fragestellungen tabuisiert, wenn sie nicht dem mainstream der veröffentlichten Meinung entsprechen. In der bioethischen Diskussion der letzten Wochen konnte man die Mechanismen einer Art von "moral correctness" entdecken. Die bloße Frage, ob die Rolle der Mutter für das Menschsein wirklich auf die Eispende begrenzt ist, verstieß offenbar bereits gegen deren Regeln.

In der Bundestagsdebatte wurde ganz überwiegend vor schnellen Antworten eher gewarnt. Den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten hat das nicht gehindert, am Tag der Bundestagssitzung Fakten schaffen zu wollen und damit zu beweisen, was er vom Parlament hält, nämlich offensichtlich herzlich wenig.

Aber gefragt muss weiter werden. Zum Beispiel womit zu erklären ist, dass zu den entschiedensten Gegnern bei Präimplantationsdiagnostik und Forschung an embryonalen Stammzellen heute manche zählen, die vor wenigen Jahren in der Abtreibungsdebatte noch zu den engagiertesten Befürwortern einer Fristenlösung gehörten. Um ein Haar wäre 1990 der Einigungsvertrag nicht zustande gekommen, weil die Sozialdemokraten unter Wortführung der heutigen Bundesjustizministerin partout die Fristenlösung für das wiederzuvereinende Deutschland bei dieser Gelegenheit durchsetzen wollten.

Verrät das eine Veränderung in der Einstellung zum Schutz ungeborenen Lebens oder gar des geistig-moralischen Klimas? Oder hat es eher damit zu tun, dass es jetzt weniger um menschliche Selbstbestimmung und ihre Grenzen als vielmehr um grundsätzliche Skepsis gegenüber Wissenschaft und Forschung geht?

Und das führt zu der Merkwürdigkeit, mit welcher Leidenschaft einerseits um die so genannte rote Biotechnologie gestritten wird, also um Heilungsmöglichkeiten für Krankheiten, und wie wenig andererseits die Öffentlichkeit sich mit den Chancen und Notwendigkeiten der grünen Gentechnik, also der Forschung und Entwicklung von mehr und besseren Nahrungsmitteln, beschäftigt.

Angesichts der weltweiten Bevölkerungszunahme wird die Frage, wie heute rund sieben Milliarden und in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts zwischen zehn und 14 Milliarden Menschen unter ökologisch erträglichen Bedingungen Ernährung finden, zu der aufregendsten Herausforderung der Menschheit. Und wenn befriedigende Antworten nicht gefunden werden, drohen globale Verteilungskonflikte und Instabilitäten, denen gegenüber unsere heutigen Wanderungsbewegungen und Integrationsprobleme harmlos erscheinen werden.

Ohne Fortschritte in der Forschung nach mehr und besserer Ernährung kann das nicht gelingen. Aber nach den Aufregungen um BSE hat die Bundesregierung im Januar ein lange vorbereitetes Forschungs- und Beobachtungsprogramm kurzerhand als nicht zeitgemäß gekippt. Ob das ethischen Geboten entspricht? Man wird ja noch fragen dürfen, oder richtiger: Wir werden weiter fragen müssen. Und das Forschen ist mit die intensivste Form des Fragens.

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