Meinung : Trialog: Hoffen auf ein Wort

Antje Vollmer ist Vizepräsidentin des B,est

In der vergangenen Woche ist im Bundestag nicht nur endlich der letzte Schritt getan worden zur Zwangsarbeiterentschädigung. Genau genommen war dies auch das Ende eines Prozesses, der 56 Jahre gedauert hat: von Mai 1945 bis Mai 2001. Vielen ist es nicht mehr bewusst, aber es gab nach dem Krieg nie einen Friedensvertrag zwischen Deutschland, den Siegermächten und den Nachbarn. Diese Tatsache, die anfangs eingeschränkte Souveränität bedeutete, hatte auch die Nebenfolge, dass viele materielle Fragen des Gebietsausgleiches, der Grenzen des reduzierten Deutschland, der Reparationen und Wiedergutmachungen und Entschädigungen nicht geklärt wurden.

So sehr sich Deutschland bemühte, die Souveränitätsfrage Stück für Stück zu klären, so zögerlich wurden die Politiker, als Jahrzehnt um Jahrzehnt ins Land ging, "den ganzen Topf" nochmal aufzumachen. Was in anderen Fällen ein Friedensvertrag leistete, ist in unserem Fall zusammengefasst in dem Zwei-plus-vier-Vertrag, der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie, der Versöhnungserklärung mit den tschechischen Nachbarn, den Wiedergutmachungsbemühungen für die jüdischen Opfer und jetzt dem Zwangsarbeiterfonds.

Ist nun wirklich alles geregelt? Nach menschlichem Ermessen wurde geregelt, was zwischen Staaten so lange Zeit nach dem Ende der Ereignisse zu regeln ist. Um so aufmerksamer muss man sein, wenn man einige Debattenbeiträge der letzten Woche nachliest. Da gab es die Aufforderung aus dem Kreis der CDU/CSU: Herr Bundeskanzler, nun zeigen Sie auch ein Herz für die deutschen Zwangsarbeiter!

Die Pfingsttreffen der Vertriebenen wären eine Plattform für solche brisanten Forderungen, den Topf wieder aufzumachen. Die Pfingsttreffen der Vertriebenen wären aber auch eine Möglichkeit, endlich einmal neue Töne anzuschlagen. Vieles ist anders geworden: Die frühere Mitleidslosigkeit und das Desinteresse am Schicksal der Vertriebenen ist bis weit in die SPD und die Grünen hinein einer Nachdenklichkeit auch über diesen Teil der eigenen Geschichte gewichen.

Das Thema der Vertreibungen gilt als eine der unseligen Kollektiv- und Unrechtserfahrungen aus der Zeit nationalistischer Verbrechen und inhumaner Ideologien. Spätestens seit dem Bosnien-Krieg gibt es eine andere Debatte. Otto Schily und sogar der Kanzler sind zu Vertriebenentreffen gegangen, so wie früher Peter Glotz und ich. Das ist eine auch innergesellschaftliche Geste.

Ich gestehe, dass ich mir seit langem erhofft habe, irgendetwas von Gewicht würde auch aus dem Kreis der Vertriebenen gesagt werden, um die Chance zu einer anderen Debatte mutig zu ergreifen. Auch den Vertriebenen kann man nicht ersparen, ihren Standort in der heutigen Zeit neu zu definieren. Es ist höchste Zeit, dass ihre Identität sich nicht länger nur über das Thema Vertreibungen definiert und so Ressentiments und irreale Hoffnungen aufrecht erhält.

Es muss ein Zeichen kommen: Eine Umbenennung der Verbände in beispielsweise Kulturvereine der Ostpreußen, der Böhmen, der Mähren, der Schlesier, der Siebenbürger-Sachsen wäre viel näher an dem, was in Europa gebraucht wird. Das wäre ein Verzicht auf eine politische, genauer: eine parteipolitische Machtposition. Es wäre zugleich ein Aufbruch in eine andere gesellschaftliche Bedeutung. Europa wächst über die Kulturen und nicht über die Vererbung erfahrenen Unrechts bis ins dritte und vierte Glied.

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