Meinung : Trialog: Kein Dialog ohne Empathie

Richard Schröder ist Professor für Theol

"Was hilft gegen die Angst?", fragt Antje Vollmer mit Blick auf die Gefahren, die vom so genannten islamischen Fundamentalismus ausgehen könnten, und empfiehlt, "die Staaten, deren Entwicklung uns beunruhigt, in einen Dialog über Institutionen und die Trennung der Gewalten zu verwickeln."

Dialog ist immer gut. Was aber tun, wenn der Dialog verweigert wird? Ich habe reichlich Menschen erlebt, die einfach nicht mit sich reden, sondern uns unsere Ohnmacht spüren ließen, SED-Fundamentalisten. Ihr "Fundamentalismus" steckte auch nicht nur in den Köpfen, sondern gebar massiv materielle Gewalt. Milosevic war auch einer von diesem Schlag. Es gibt brutale Bosheit, und es ist rührseliger Kitsch, das zu leugnen.

Dialog ist wunderbar, aber das Wunder findet nicht immer statt. Deshalb ist es verkehrt, eine Alternative herzustellen zwischen Dialog und - auch militärischer - Sicherheitspolitik. Ich sage das nur, damit niemand Antje Vollmer derart missversteht. Der Polizist kann deeskalieren, nicht obwohl, sondern weil er bewaffnet ist. Seine Pistole ist, auch wenn er sie nicht benutzt, ein Argument, ihn ernst zu nehmen. Aber selbst das schlagen manche in den Wind.

Wenn aber Dialog, dann bitte symmetrisch und nicht missionarisch. Ich bin oft in Diskussionen "verwickelt" worden, die bloß der Agitation dienten. Das war kein Vergnügen. Der Ausdruck "Fundamentalismus", der aus innerchristlichen amerikanischen Auseinandersetzungen stammt, ist, auf den Islam angewandt, nicht sehr hilfreich. Er schmeißt aggressiven Fanatismus und traditionelle islamische Einstellungen in einen Karton. Bleiben wir bei letzteren. Voraussetzung für den Dialog ist Empathie. Man muss wissen, was man dem anderen zumutet.

Den strengen Moslems ist so etwas wie die Unterscheidung von Staat und Kirche fremd. "Umma" ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die zwar für Anhänger der Schriftreligionen Gastrechte, aber weder Gleichberechtigung noch Religionsfreiheit kennt. Wir muten traditionellen Moslems einen Kulturbruch zu, wenn wir ihnen den im Christentum von Anfang an beheimateten Unterschied zwischen Staat und Kirche (Jesus: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist") zumuten.

Die Zumutung ist unvermeidlich für Moslems, die unter uns wohnen. Die islamische Welt verschließt sich außerdem zum Glück nicht generell der (europäischen) Moderne. Man muss aber zweitens wissen, dass sie uns den Spiegel vorhalten. Wenn sie erklären, die westliche Zivilisation sei für sie mit ihrer Schamlosigkeit, Oberflächlichkeit, Genusssucht und ihrem Egoismus kein Vorbild, sollten wir nicht zu schnell sagen: Die haben die Moderne nicht begriffen. Wer andere in einen Dialog verwickeln will, muss sich auch selbst verwickeln lassen.

Es stimmt, dass in unserer Gesellschaft "ein Gefühl des Bedrohtseins" weit verbreitet ist - obwohl wir weltgeschichtlich und weltweit geurteilt unter besonders gesicherten Verhältnissen leben. Obwohl? Oder weil? Aristoteles hatte den Mut als ein Mittleres verstanden zwischen der Überängstlichkeit, die die Gefahren überschätzt, und dem Leichtsinn, der blind ist für die Gefahren. Mut ist das Vermögen, Gefahren realistisch einzuschätzen und ihnen mit Augenmaß zu begegnen. Mut erwächst (auch) aus Gottvertrauen. Da tut sich noch einmal ein anderer Zusammenhang zwischen Religion und Politik auf.

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