Meinung : Trialog: Man kann Forschern auch vertrauen

Richard Schröder ist Professor für Theol

Mit den Erklärungen unserer beiden großen Kirchen zur Bundestagsentscheidung über den Stammzellenimport bin ich unzufrieden. Sie haben den Abgeordneten nicht genützt, aber womöglich den Kirchen geschadet. In einem Brief haben die beiden leitenden Geistlichen die Abgeordneten aufgefordert, dem uneingeschränkten Lebensschutz von der Befruchtung der Eizelle an Rechnung zu tragen. Aber die überzähligen Blastozysten aus der künstlichen Befruchtung, die keine Mutter finden, kann man nur ewig tiefgefroren lagern oder vernichten. Das sind etwa 70 in Deutschland und 300 000 in Europa. Der Bundestag kann ihnen schlechterdings keine Mütter besorgen. Also hätte die Empfehlung höchstens lauten können: lieber vernichten als an ihnen forschen.

Und sie haben diese menschlichen Embryonen, die man nur im Mikroskop sehen kann, umbenannt in embryonale Menschen. 70 Prozent dieser befruchteten Eizellen gehen jedoch auf natürlichem Wege verloren. Deshalb kann auch bei der künstlichen Befruchtung nicht jede Eizelle zur Geburt geführt werden. Der neue Sprachgebrauch erlaubt den Satz: 70 Prozent aller Menschen werden nie geboren. Das hilft doch nicht weiter. Das kann den Kirchen schaden. Denn auf solche Ungereimtheiten machen sich manche Zeitgenossen den Reim: Das sind eben religiöse Argumente. Gedacht ist dabei wahrscheinlich an so etwas wie das jüdische Gebot, kein Schweinefleisch zu essen. Fragt man, warum sie das nicht tun, werden sie antworten: Das ist uns so geboten, das gehört zu unserer religiösen Identität. Und erklären: für Nichtjuden gilt das nicht. Religiös in diesem Sinne sind aber die kirchlichen Argumentationen gar nicht gemeint. Sie erheben den Anspruch, auf der Grundlage des christlichen Menschenverständnisses jeder gutwilligen Vernunft verständlich zu sein.

Der Anspruch ist in Ordnung, er muss aber auch eingelöst werden. Wenn die kirchlichen Erklärungen als religiöse Sondermeinungen abgetan werden, werden die Kirchen aus dem Diskussionsprozeß ausgeklinkt. Kirchliche Stellungnahmen sollten in solchen Fragen konditional formuliert sein: "Wenn ihr das und das tut, müsst ihr das und das bedenken. Das sind die Gefahren, wie kann ihnen begegnet werden?" Für solche Hilfen zur Urteilsbildung wäre das Publikum dankbar.

Nun sei der Lebensschutz des Embryos in Deutschland nicht mehr garantiert, haben die leitenden Geistlichen nach dem Bundestagsbeschluss erklärt, als wäre nun das Tor für inhumane Konsequenzen geöffnet. Ich bestreite das. Die Menschen können sehr gut unterscheiden, was vor und was nach Beginn der Schwangerschaft zulässig ist. Allerdings ist durch diesen Beschluss ein Tor geöffnet. Fragt sich nur, was für eines. Die meisten denken an ein Burgtor. Wenn es auch nur einen Spalt geöffnet ist, stürmen die Feinde die Burg. Ich denke an das Tor zu einem unbekannten Gelände. Wo ist dieses gangbar, wo droht Sumpf?

Ja, es gibt Gefahren. Ich sehe sie aber nicht zuerst in "den Forschern" oder in "der Wirtschaft" - die sind offenbar vom kollektiven Diskriminierungsverbot ausgenommen, dürfen als "Mächte des Bösen" bezeichnet werden. Ich sehe sie in absurden Wunschphantasien vom biologisch perfektionierten Menschen, von der ewigen Jugend, von der Abschaffung von Krankheit, Leid und Behinderung. Und dazu haben die Kirchen einiges zu sagen. Wie war das eigentlich bei der ersten Herztransplantation? Da gab es auch die schlimmsten Befürchtungen. Sie haben sich nicht bestätigt.

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