Meinung : Trialog: Minderheit Kirche - frei wie nie

Antje Vollmer ist Vizepräsidentin des Deutsch

Richard Schröder erklärte sich in seinem letzten Trialog-Kommentar "unzufrieden" mit der Erklärung der beiden großen Kirchen zum Thema Stammzellenimport. Er meint, das habe "den Abgeordneten nicht genützt, aber womöglich den Kirchen geschadet". Der Satz vom Schaden für die Kirche ist ihm so wichtig, dass er ihn noch einmal wiederholt, sogar mit Heftigkeit. Gut, Richard Schröder war in der Sache anderer Meinung. Darüber möchte ich hier und heute nicht mit ihm streiten. Aber sein Kirchenverständnis reizt zum Widerspruch. Zumal in der Bundestagsdebatte fast in der gleichen Weise auch Friedrich Merz die kirchliche Stellungnahme angegriffen hat.

Welche Rolle sollen die Kirchen in der heutigen Gesellschaft haben? Es gab einmal eine Zeit, in der sie sich vorrangig als Volkskirche verstanden, als eine andere Form der Summe aller in Deutschland lebenden Menschen, nur eben aufgeteilt in Katholiken und Protestanten - und die schmerzhaft wenigen Juden. Aus dieser Zeit kommen im wesentlichen die kirchlichen Stellungnahmen "an alle", die durch eine unendliche Ausgewogenheit gekennzeichnet waren, ein: "Wir verstehen alle Seiten, wir versuchen auch alle Seiten zu repräsentieren, geben aber vielleicht vorsichtig dies oder das zu bedenken." Das war eine bescheidene Tonlage auf der Grundlage eines allumfassenden Repräsentationsanspruches. Das war gleichzeitig die Demonstration einer machtpolitisch bedeutsamen Rolle im Rahmen einer doch weitgehend säkularisierten Welt.

Ist diese Rolle heute noch realitätstauglich? Eine interessante und nicht ganz unwichtige Frage. Spätestens nach dem Hinzukommen einer weitgehend kirchenfernen Bevölkerungsmehrheit in den neuen Ländern, spätestens nach den großen Kirchenaustrittswellen im Westen (und sei es nur aus Kirchensteuergründen), spätestens seit der fast vollständigen Auflösung aller kirchenjahr-bezogenen Lebensweisen, spätestens nach der Auflösung der protestantischen Musterfamilie kann von einer Identität von Staatsvolk und Kirchenvolk nicht mehr die Rede sein. Die Kirchen haben viel zu lange gebraucht, um zu begreifen, dass diese Selbstverständlichkeit verloren ist. Sie holen dieses Wissen zur Zeit in teilweise quälenden Prozessen nach. Kirchen sind eine Minderheit geworden, eine bedeutsame, eine wichtige, eine auf die wir nie verzichten möchten. Aber sie sind kein zentraler Machtfaktor mehr.

Gerade weil dies so ist, gerade weil darin auch Chancen liegen, ist es nicht ein Zeichen von "protestantischem Lehramt", sondern von realpolitischer Bescheidenheit, wenn sich die Kirchen bemühen, deutlich zu sprechen. Sie sind nicht mehr der ganze, sie sind nur ein Teil des gesellschaftlichen Dialoges. Als solcher akzeptieren sie Rechte und Pflichten ihrer neuen Position, wenn sie das deutlich sagen, was aus biblischer Sicht zur Würde des menschlichen Lebens und zur Ehrfurcht vor der Schöpfung zu sagen ist. Die Kirchen haben längst die Allmacht verloren, als wissenschaftliche Zentralmacht Theologie die anderen Wissenschaften zu beherrschen. Sie haben die Freiheit gewonnen, die neue (so genannte vorurteilsfreie) Zentralmacht, die Grundlagenforschung in den Naturwissenschaften, nach ihren eigenen Wertvorstellungen zu fragen und mit den Wertvorstellungen christlicher Überzeugungen zu konfrontieren. Ich kann diese Freiheit nur begrüßen. Die Bischöfe und Kirchenführer sollten sich im Wahrnehmen dieser neuen Freiheit von niemandem irritieren lassen. Sie werden gebraucht.

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