Meinung : Trialog: Mit Charisma

Antje Vollmer ist Vizepräsidentin des Deutsch

Widerspruch! stand auf den Plakaten der Genua-Demonstranten. Immerhin hat diese Parole 150 000 junge und ältere Menschen bewegt, sich ihr anzuschließen, teils in heftigen Internetkontakten, teils in aufwendigen, und - wie wir inzwischen wissen - nicht ganz gefahrlosen Reisen in eine italienische Hafenstadt. Dabei war das kulturelle und politische Spektrum der Gipfel-Gegner so breit wie nie seit den 60er und 70er Jahren. Es gefällt mir nicht, dass wir seitdem vor allem über das Verhalten und eventuelle Fehlgriffe der Sicherheitskräfte argumentieren. Die hat es ganz offensichtlich gegeben und deswegen werden und müssen sie auch aufgeklärt werden. Wichtiger aber erscheint mir, uns Klarheit darüber zu verschaffen, ob wir endgültig in die Ära einer neuen weltweiten Protestbewegung eingetreten sind, die Epochencharakter hat.

Nach Abwägung vieler, auch widersprüchlicher Facetten und nicht ohne Zweifel bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es wirklich so ist. Die Globalisierung ist in eine Phase eingetreten, in der sie zunehmend mit Massenprotesten rechnen muss. Nicht, weil ein paar Vermummte Randale suchen, sondern allein deswegen, weil diese Globalisierung Widerspruch und demokratische Kontrolle verdient hat. Kein einziges der weltweiten Probleme wird wirklich angegangen: Nicht die Überbevölkerung, nicht die Verelendungskrise Afrikas, nicht die Verschuldung der ärmsten Länder Asiens und Lateinamerikas, nicht die zunehmenden Klimakatastrophen, nicht die wachsende Diskrepanz zwischen Arm und Reich, nicht der Verfall von Bildung, traditionellen Kulturen, von Landschaften ...

Wie denn soll ein junger Mensch, der sich einen Reim zu machen versucht von seiner Welt-Zukunft bei einem solchen Ereignis zu dem Schluss kommen, dass das für sein und aller Menschen Überleben Notwendige von den Weltmächten und Weltverantwortlichen schon irgendwie getan wird?

Nehmen wir mal ein augenfälliges Beispiel. Fast als archaisches Relikt einer vorkapitalistischen agrarischen Gesellschaft pflegen unsere Medien immer noch den schönen Anachronismus des täglichen, ja stündlichen Wetterdienstes. Wiewohl auch dieser alte Brauch in Zeiten der weltweiten Klimakatastrophe seine neue Aktualität erhält, ist er doch in seiner Brisanz längst abgelöst von dem immer größeren Raum, den die Börsennachrichten inzwischen einnehmen. Und diese sagen seit geraumer Zeit: Katastrophe!

Apokalyptische Tonlagen bevorzugen die meisten Wirtschaftsvertreter. Apokalyptisch eingetönt ist die Redeweise, mit der ein US-Präsident Menschenrechtskampagnen gegen potenzielle Schurkenstaaten fährt oder die Unersättlichkeit des Energiebedarfs der gloriosen Nation in den letzten Reichen der Stille einfordert. Wenn schon im Weißen Haus so hohl und apokalyptisch agiert wird, was erwartet man von den meist jungen Kritikern dieser neuen Weltordnung?

Wenn Vernunft in den Prozess kommen soll, muss man die Instanzen und Institutionen stärken, die den Prozessen Vernunft und Berechenbarkeit verleihen können: Gremien, Institutionen, demokratische Kontrolle, Regeln und noch einmal Regeln!

Übrigens: Es ist nicht gut, dass die Personen, die kraft ihres Amtes und ihrer Person doch eine andere charismatische Qualität darstellen könnten als die führenden Exponenten der G-8-Staaten - wie beispielsweise Kofi Annan, Nelson Mandela oder auch der Papst - derzeit in einer ganz anderen Welt zu leben scheinen. Man würde sie brauchen - im Zentrum des entstehenden Neuen.

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