Meinung : Trialog: Nicht ohne seine Mutter

Richard Schröder ist Professor für Theol

"Und dann hat er ihr auch noch ein Kind gemacht." Wenn ich unfreiwillig solche Gesprächsfetzen in der S-Bahn höre, könnte ich aus der Haut fahren. Als ich zur Welt kam, haben meine Eltern gesagt, sie hätten ein Kind bekommen, es sei ihnen geschenkt worden. Sie hatten ein Interesse, den Tag meiner Geburt ungefähr im Voraus zu wissen, mehr zu wissen war für sie nicht nötig, weil sie mich als Geschenk erwartet haben.

Nicht jede Schwangere erwartet ein Kind als Geschenk. Weil wir nicht mehr der Auffassung sind, Eltern dürften frei über das Leben des Ungeborenen entscheiden, musste der Gesetzgeber genau festlegen, wann menschliches Leben beginnt und Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch treffen. Der menschliche Lebensbeginn wurde vom Bundesverfassungsgericht mit der Befruchtung der Eizelle definiert.

Nun hat sich ein neuer Anlass ergeben, über die Fragen des Beginns menschlichen Lebens nachzudenken. Forschungen an befruchteten menschlichen Eizellen nach deren ersten Zellteilungen wenige Tage nach der Befruchtung (Blastozysten) könnten neue therapeutische Möglichkeiten für bisher unheilbare Krankheiten eröffnen. Durch das Verfahren der künstlichen Befruchtung (IVG) in Fällen, bei denen anders der Kinderwunsch nicht erfüllt werden kann, entstehen immer wieder befruchtete Eizellen, die einer Mutter nicht eingepflanzt werden können, also vernichtet werden müssen.

In der Diskussion dieser Fragen begegnen einem Argumente, die nicht akzeptabel sind. Es müsse eine Abwägung zwischen Lebensschutz und Forschungsfreiheit getroffen werden. Oder man müsse auch an mögliche Arbeitsplätze denken, die durch die Ergebnisse solcher Forschungen entstehen könnten. Das sind keine Fälle für legitime Güterabwägungen. Auf der anderen Seite entstehen Ängste, die irreal sind: dann werden nächstens auch Menschen geklont und Kinder mit maßgeschneiderten Genen produziert. Das ist kein Automatismus. Der Wunsch nach ein für alle Mal geltenden einfachen Festlegungen ist mehr als verständlich. Sie geben Sicherheit und Orientierung. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass es auch zu einfache und zu endgültige Festlegungen geben kann mit der Folge scheinheiliger Kasuistik und einer Beschädigung der Umsicht.

Nehmen wir an, die Alternative hieße: Vernichtung solcher Blastozysten oder unter ihrer Verwendung Hilfe für bisher unheilbare Kranke, dann wäre in der Tat eine Güterabwägung gerechtfertigt. Nun wird eingewendet, dieselben therapeutischen Möglichkeiten seien auch auf anderem Wege erreichbar. Das sind berechtigte Einwände. Sie besagen aber bloß: Wir stehen nicht vor dieser Güterabwägung. Sie besagen nicht, sie dürfe unter keinen Umständen angestellt werden. Hilfe für unheilbare Krankheiten fällt ins Gewicht, ohne alles und jedes zu rechtfertigen.

In Großbritannien ist die Forschung an solchen Blastozysten freigegeben worden. Damit ist der Lebensschutz nicht aufgehoben worden. Die Einnistung des Embryos in der Gebärmutter ist nun die Grenze, von der ab - von der Abtreibungsproblematik abgesehen - die Unverfügbarkeit über das werdende menschliche Leben beginnt. Ab wann ist ein Mensch ein Mensch? Die englische Antwort kann man so wiedergeben: doch nicht ohne seine Mutter. Wir müssen nicht auch so entscheiden. Es wäre mir aber unwohl, wenn wir behaupten würden, dies sei eine unmoralische und verwerfliche Entscheidung.

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