Meinung : Trialog: Nie wieder Sonntagsnation

Richard Schröder ist Professor für Theol

Antje Vollmers Lobeshymne auf die Museumsinsel teile ich. Und wenn das Stadtschloss wiedererrichtet werden und die ethnologischen Sammlungen aufnehmen würde, wäre dieses Ensemble, wie der Louvre in Paris, eine würdige Mitte Berlins.

Dass sich aber dort, namentlich in "der Alten Nationalgalerie des Romantikers auf dem Preußenthron" die Nation ihrer selbst vergewissern könne, dem möchte ich doch nur für die Sonntage zustimmen. Und jener Romantiker, Friedrich Wilhelm IV., war denn auch eher ein Sonntagskönig, ein Nostalgiker, der sich der Moderne verweigerte, ins Mittelalter floh, den Kölner Dom vollendete und, als eine Verfassung gefordert wurde, erklärte, dass er es "nie und nimmermehr zugeben werde, dass sich zwischen unseren Herrgott im Himmel und dieses Land ein beschriebenes Blatt gleichsam als eine zweite Vorsehung eindränge". Er hatte, so Leopold von Ranke, "vielleicht mehr Gemüt als der Staat vertragen kann." Und Heine: "Ich habe ein Faible für diesen König; ich glaube, wir sind uns ähnlich ein wenig. Ein vornehmer Geist, hat viel Talent. Auch ich, ich wäre ein schlechter Regent."

Nach dem ungeheuren Stress der Jahre 1989 bildete sich bei vielen Ostdeutschen die DDR-Nostalgie, eine DDR-Identität post festum, die das eingemauerte Leben, gegen das sie seinerzeit revoltiert hatten, nun verklärt: einfach, überschaubar und geordnet ging es damals zu. Zieht jetzt etwa der Westen nach und entwickelt eine Alte-Bundesrepublik-Nostalgie: selige Zeiten, als uns nicht fortwährend neue Aufgaben und neue Verantwortungen in Dauerstress versetzten, als im Regierungsviertel am Vater Rhein freitagnachmittags die Bürgersteige hochgeklappt wurden?

Vor der Mauer die Freiheit und hinter der Mauer die Unfreiheit, das war das eine. Das andere war: zu beiden Seiten der Mauer Deutsche mit beschränkter Haftung, unter Vormundschaft. Sonntagsnation oder, was auf dasselbe hinausläuft, bloß Kulturnation, das genügt nicht. Wir müssen uns sehr hüten vor der Sehnsucht nach der nationalen Unmündigkeit. Auch wir müssen Werktagsnation werden und uns mit dem Ernst des Erwachsenen den Plagen der Freiheit und der gewachsenen Verantwortung stellen.

Emanzipation heißt deutsch: Entlassung aus der Vormundschaft, lateinisch Vorhandschaft. In der östlichen Ablehnung des Militäreinsatzes in Afghanistan entdecke ich Elemente nationaler Unmündigkeit. Da gab es Häme gegenüber der Großmacht, die sich von der Sowjetunion auf Amerika übertragen hat, eine hässliche Schadenfreude des kleinen Mannes gegenüber dem Großen. Und da gibt es dieses kleinbürgerliche Vorurteil gegenüber der Weltpolitik, die bloß die anderen machen und die bloß ein schmutziges Geschäft sei, angeblich bloß angetrieben von der Gier nach Macht und Öl und Profit.

Nationale Mündigkeit erweist sich allerdings auch nicht darin, dass wir alles, was die Amerikaner tun, unbesehen gutheißen, wohl aber darin, dass wir mitbedenken, was denn zu tun sei, statt uns in die Ohne-mich-Ecke zurückzuziehen, als sei die Welt so beschaffen, dass sie durch Nichtstun am Besten gedeiht. Aus Afghanistan haben wir dieser Tage gehört, dort hätten die Deutschen einen guten Ruf, man erwarte etwas von ihnen für die afghanische Nachkriegsordnung, die jetzt entstehen soll. Das muss uns nicht gleich schmeicheln, aber doch nachdenklich machen.

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