Meinung : Trialog: Terroristen kennen keine Toleranz

Wolfgang Schäuble ist CDU-Präsidiumsmitg

Die bleierne Zeit", so ist der deutsche Herbst genannt worden in den siebziger Jahren, als Mordanschläge, Geiselnahmen, Flugzeugentführungen unser Land erschütterten. Seit dem 11. September ist unsere Zeit wieder bleiern geworden. Irgendwie gelähmt. Vieles wird unwichtig, und alles scheint so unwirklich. Jeder ist betroffen, weil es jeden hätte treffen können, morgen treffen kann.

Deshalb geht es nicht nur um Solidarität mit den Amerikanern, obwohl wir gerade in Deutschland und in Berlin wissen, wie viel Grund wir dazu haben. Es geht auch nicht um Rache. Der Rechtsstaat stellt sich nicht auf dieselbe Stufe wie Verbrecher und Mörder. Aber die freiheitliche Demokratie ist auch wehrhaft. Weil wir alle betroffen sind, stehen wir in der Abwehr zusammen. In unserem Land, im Bündnis mit den Amerikanern und in der Gemeinschaft der zivilisierten Welt.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat die Anschläge zurecht einstimmig als Bedrohung des Weltfriedens verurteilt. Deshalb müssen die terroristischen Organisationen und Strukturen zerschlagen werden, damit sie den Frieden nicht zerstören können, auch nicht das friedliche Zusammenleben der Religionen und Kulturen.

Toleranz ist eine Grundlage der offenen Gesellschaft. Davon haben wir nicht zu viel, und die Toleranz darf nicht verloren gehen. Das gilt für alle, auch und gerade für unsere ausländischen Mitbürger. Wir müssen miteinander leben und nicht nur nebeneinander her. Integration hängt mit Nähe zusammen. Beziehungslosigkeit ist das Gegenteil, und in der Anonymität wächst das Böse, finden Verbrecher Unterschlupf, können Mordanschläge vorbereitet werden.

Terroristen kennen keine Toleranz. Sie wollen Freiheit durch die Herrschaft von Angst und Schrecken ersetzen. Dagegen gibt es keine Toleranz. Auch das gilt für alle. Die islamische Gemeinschaft muss einen klaren Trennungsstrich ziehen gegenüber den Terroristen, weltweit und auch in unserem Land, und sie muss für den gemeinsamen Kampf gegen den Terror gewonnen werden.

Timothy Garton Ash überschrieb sein 1990 erschienenes Buch über den Erfolg der Bürgerbewegungen gegen den Kommunismus im Osten unseres damals geteilten Europa mit dem Titel "Ein Jahrhundert wird abgewählt". Nach dem 11. September 2001 hat er in einem Aufsatz die Frage gestellt: "Beginnt jetzt das 21. Jahrhundert?"

Jedenfalls gibt es zwischen dem Ende des Ost-West-Konflikts und den schrecklichen Ereignissen dieser Tage eine Beziehung. Vielleicht liegt darin die Chance dieser Krise. Für eine neue Weltordnung, in der die Spannungen abgebaut werden durch neue globale Verantwortung für Frieden und Freiheit, für ökologische Stabilität und kommende Generationen, im Kampf gegen Hunger und Not, im Dialog der Kulturen und Religionen, in der Sicherung von Menschenrechten und Menschenwürde.

Aber Voraussetzung ist, dass der Terrorismus besiegt wird. Die moderne Zivilisation ist verletzlich. Wer sie zur Geisel nehmen will, um die Grundlagen der offenen Gesellschaft zu beseitigen, darf Toleranz und Offenheit nicht in Anspruch nehmen. Friede, Freiheit, Sicherheit bedingen sich gegenseitig. Sie zu bewahren erfordert Besonnenheit und Entschiedenheit zugleich.

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