Meinung : Trialog: Würdigen, nicht bloß zahlen

Richard Schröder ist Professor für Theol

Seit der Medienschlacht um Sebnitz beurteile ich den Status Quo der deutschen Einigung sehr viel kritischer als zuvor. Was mich da am meisten schockiert hat, waren einige Artikel nach der Widerlegung des Anfangsverdachts eines öffentlichen Kindesmords mit dem Tenor: Diesmal ist es zwar nicht passiert, hätte aber sein können, so wie der Osten beschaffen ist. Seitdem beobachte ich, dass zwischen Ost und West eine gar nicht harmlose Legendenbildung im Gange ist - und dies, obwohl gleichzeitig auf unendlich vielen Feldern unkomplizierte Kooperationsbeziehungen zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen Alltag sind.

Im Osten hat sich das Gefühl verfestigt, Bürger zweiter Klasse zu sein. Die Treuhand habe die DDR-Wirtschaft ruiniert, der Westen den Osten überrollt und die positiven Ansätze des Herbstes 1989 zunichte gemacht. Der neue Programmentwurf der PDS pflegt diesen Ton und kann dafür durchaus auf Beifall rechnen. Da ist eine Umdeutung von 1989/90 im Gange. Die posttotalitäre Situation der Ost-Ost-Gegensätze wird umgedeutet in eine kolonialistische Situation des Ost-West-Gegensatzes. Gefährlich ist daran, dass dergleichen östliche Ressentiments nährt. Ressentiments aber sind freiheitsfeindlich. Aus ihnen erwachsen Selbstüberhöhung und Sündenbocksuche. Davon gibt es im Osten zu viel.

Die Sache wird dadurch nicht einfacher, dass auch im Westen viele den Weg zur deutschen Einheit als eine große Serie von Fehlentscheidungen interpretieren - nicht etwa aus Mitleid mit dem Osten, dem ja dann als Opfer westlicher Fehlentscheidungen Wiedergutmachung zustünde - nein, nein, bloß das nicht; sondern weil der Habitus der folgenlosen Besserwisserei, die sich um die Details nicht kümmern muss, als Beweis der Emanzipation gilt.

Daneben läuft ein westlicher Überlegenheitsdiskurs, der regelmäßig testet, ob die im Osten sich nun endlich zu unseren Höhen hochgearbeitet haben - meist mit angenehm gruselndem, negativem Ergebnis in Sachen Demokratieakzeptanz, Flexibilität, Toleranz, Rechtsradikalismus. Dass eben dies einen Mangel an Toleranz dokumentieren könnte, wird übersehen. Und dann gibt es, immer wieder einmal, eine dritte Tonart: der Osten fordert bloß, statt sich endlich selbst zu bewegen. Mir fällt da immer das Ruhrgebiet ein. Als Kohle und Stahl in die Krise gerieten - und das war eine kleine Krise im Vergleich mit dem Offenbarungseid, den die DDR-Misswirtschaft mit der Währungsunion leisten musste -, hat niemand gesagt: Sollen die sich doch selber helfen. Da ist lange Zeit viel Steuergeld geflossen.

Beide Seiten vergessen 1989/90. Im Osten wird gern übersehen, dass wir damals vor allem die DDR-Verhältnisse loswerden und die deutsche Einheit wollten. Im Westen wird übersehen, welche ungeheueren Umstellungsleistungen die Ostdeutschen bereits absolviert haben. Allmählich müssen wir uns darüber Gedanken machen, wie der Weg zur deutschen Einheit der nächsten Generation vermittelt werden soll. Denn die Abiturienten dieses Jahrgangs waren damals Erstklässler.

Die Jammerossiversion und die Besserwessiversion sind dafür untauglich - und unwahr. Der Fortgang der deutschen Einigung ist nicht zuerst eine Finanzfrage, sondern die der wechselseitigen Anerkennung, der sorgfältigeren Wahrnehmung. Das ist mühsamer als zahlen.

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