Meinung : Tritt ins Gesicht

„Hier baut die Bundesrepublik“

vom 29. September

Ihr US-Korrespondent Christoph von Marschall, dessen Berichte aus und über die USA ich in der Regel durchaus schätze, preist die Amerikaner, die den Staat für schlecht halten und die Verantwortung für das Ideal. Abgesehen davon, dass angesichts der mangelhaften Sozialfürsorge in den USA und des auch nach Obama-Care immer noch unzureichenden Gesundheitssystems dies sehr fragwürdig ist, erscheint diese Aussage geradezu grotesk zu einem Zeitpunkt, da gerade diese Haltung gegenüber dem Staat in der exzessiven Ausprägung bei den Republikanern zu einem katastrophalen Staatsstillstand geführt hat.

Ich bin froh darüber, dass viele Deutsche den Staat für gut halten und ihm zutrauen, zumindest auf lange Sicht soziale Gerechtigkeit durchzusetzen.

Wolfgang Behrendt, Berlin

Eigenverantwortung gegen staatliche Bevormundung ist ja das Leitmotiv dieses Artikels. Dieses Gegensatzpaar geht aber einfach strukturell am Wesen vieler Probleme unserer Gesellschaft vorbei. Wenn wir konkrete Aufgaben des Staates anschauen, die für unsere Zukunft von großer Bedeutung sind, wie zum Beispiel Bildung, Energie und Infrastruktur und dafür auch ein größerer Beitrag des wohlhabenderen Teils der Gesellschaft vorgeschlagen wird, so wird doch diese Gegenüberstellung zur Phrase.

Und man muss dazu gar nicht die Fahne der Gerechtigkeit schwingen, sondern nur die Interessen aller Menschen im Auge haben. Denn unser aller Wohlstand und insbesondere auch von denen, die ihn in besonders hohem Maße genießen, basiert auf einem gut funktionierendem Staatswesen und ist zum Beispiel mit einer guten Bildung für möglichst viele Menschen verbunden. Wo sollen denn Unternehmer qualifizierte Arbeitskräfte herholen, wenn die Bildungseinrichtungen vernachlässigt werden?

Davon wird ja auch sehr oft im Tagesspiegel berichtet.

Die Einkommensverteilung ist in den vergangenen Jahren deutlich ungleicher geworden, was nicht durch die höhere Leistung der oberen oder durch eigenverantwortliche Minderleistungen der

unteren Einkommensgruppen verursacht worden ist, aber dazu führt, dass ein zunehmender Teil der Gesellschaft vieles nicht eigenverantwortlich leisten kann. So ist auch das ein Argument für einen höheren Beitrag der oberen Einkommen zur Finanzierung von Gemeinschaftsaufgaben.

Reinhard Schulz , Berlin-Moabit

Herr von Marschall preist in seinem Artikel das System und die Denkweise der Amerikaner als etwas Erstrebenswertes. Ja, Freiheit ist etwas Erstrebenswertes. In diesem Punkt stimme ich zu, aber Steuern sind keine Fesseln, sondern ein Instrument für die Solidarität innerhalb einer Gesellschaft, und frei zu sein und trotzdem als Gesellschaft füreinander zu sorgen, stehen nicht im Widerspruch. Die Freiheit, die Herr von Marschall predigt, ist nichts weiter als eine erweiterte Form dessen, was Thomas Hobbes mit folgender Aussage beschrieb: „Homo Homini Lupus.“ Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Natürlich wäre die Menschheit ohne Big Government freier und natürlich nehmen Steuern uns einen Teil unseres hart verdienten Geldes. Wenn aber auf der anderen Seite dieses Big Government dafür Sorge tragen kann, dass geldgierige Heuschrecken, die das Leben und den Wohlstand derjenigen, die richtige Arbeit verrichten und ihr simples Leben damit verbringen, produktiv zu sein, anstatt mit dem Geld anderer Leute zu jonglieren, bedrohen, dann ist eine starke und soziale Regierung wichtig.

Die vom Autor gepredigte Form von Selbstverantwortung kann nur von jemandem kommen, der noch nie in seinem Leben am Rande des Existenzminimums war, denn was auch immer die Amerikaner für Freiheit halten, ist ein Tritt ins Gesicht der 47 Prozent, über die Mitt Romney in seiner Rede vor eben jenen Heuschrecken redete, die am meisten von „Small Government“ profitieren. Ich zahle gern 50 Euro mehr pro Monat, wenn ich dafür weiß, dass meine Kinder gut ausgebildet und unser Gesundheitssystem aufrechterhalten wird und ich im Falle, dass Heuschrecken die Firma, in der ich arbeite, zugrunde richten, nicht alles verliere, für das ich mein Leben lang gearbeitet habe. Insofern ist zu diesem Artikel Folgendes zu sagen. „A“ ist eine Verneinung und das Wort „sozial“ steht führ einen guten Umgang miteinander. Mir ist egal, ob andere das für Freiheit halten. Ich halte diese Ansicht schlicht für asozial.

Clemens Puschmann, Berlin-Spandau

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