Trotz der Katastrophe in Bangladesch : Wer "Topmodel" guckt, kauft nicht bei "Waschbär"

Ein Jahr nach dem Unglück in Bangladesch hat sich wenig verändert. Weil Rana Plaza sich nicht wiederholen darf, muss der Freiwilligkeit ein Ende gesetzt werden. Das Textilgeschäft ist Stoff für Politiker - der Verbraucher ist schwach.

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Eine Angehörige bricht am Jahrestag der Katastrophe auf der Trauerfeier zusammen.
Eine Angehörige bricht am Jahrestag der Katastrophe auf der Trauerfeier zusammen.Foto: AFP

Wer trägt die Schuld daran, dass es vor einem Jahr in Bangladesch zur Katastrophe kommen konnte? Dass viele Opfer noch immer keine Hilfeleistungen erhalten? Und Näherinnen von ihrem Lohn bis heute nicht leben können? Die Konsumenten sagen: die Konzerne. Die Konzerne sagen: die Konsumenten. Die ja kaufen, kaufen, kaufen, was immer angeboten wird: Glitzerkleider für zehn Euro, Ballerinas für fünf, ganz egal, wie sie hergestellt wurden.

Beide Seiten haben recht. Die entscheidende Wahrheit aber ist: Die Verbraucher sind überfordert. Zu verführbar, erst recht, wenn es um Mode, um Äußerlichkeiten also geht, und sie in ihrer größten Schwäche, der Eitelkeit, getroffen werden. Allzu überschaubar ist das Angebot an Alternativen, an nachweislich fair produzierter Kleidung. Und wie vermessen wäre es, zu erwarten, dass Menschen, die sich ihren Look bei TV-Shows wie „Germany’s Next Topmodel“ und „Deutschland sucht den Superstar“ abgucken, anschließend Biobaumwoll- Tuniken bei Versandhändlern wie „Waschbär“ bestellen? Selbst, wenn dem so wäre: Die werden dann von Paketdiensten geliefert, von unterbezahlten Kräften unter hohem Verpackungs- und CO2-Aufwand. Gutmensch ade.

Der Fehler liegt in der Struktur

Es kann nicht genügen, Menschen wieder und wieder zu ermahnen, sich in einem grundsätzlich falschen System richtig zu verhalten. Für eben jene Situationen, in denen Interessen kollidieren und der Durchschnittsbürger überfordert ist, hat die westliche Zivilgesellschaft den Politiker erfunden. Wir wählen ihn, damit er ordnet, Grenzen setzt, gemeinhin den, von dem wir glauben, dass er unserer Auffassung von Gerechtigkeit am ehesten entspricht. An die Ernennung jedes Volksvertreters knüpfen sich Aufträge und Ansprüche. Einer ist: Wir wollen, dass er gewisse ethisch-moralische Standards, wie sie für unsere Demokratie unabdingbar sind, großflächig sichert.

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Dazu gehört: Weder die T-Shirts, die wir tragen, noch der Kaffee, den wir trinken, noch das Fleisch, das wir essen, sollte unter Bedingungen, die für Mensch und Tier unwürdig sind, hergestellt worden sein. Im Fall der Kleidung wäre Abhilfe am leichtesten: Alles darf bleiben, wo es ist, die Menschen in Bangladesch und Indien sind auf das Textilgeschäft angewiesen. Schon wenige Cent mehr pro Teil aber würden ihre Lebensqualität verbessern. Es braucht internationale Kontrollen, klar definierte Rahmen und Sanktionen, auch eine Textilsteuer wäre denkbar. Ohne staatliche Intervention funktioniert es nicht.

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