Truppenabzug im Irak : Augen zu und durch

Die Kampftruppen rücken endgültig aus dem Irak ab, und dann liegt die Verantwortung wieder voll in den Händen Bagdads. "Augen zu und durch" scheint inzwischen die Devise im Weißen Haus zu sein.

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US-Präsident Barack Obama gibt sich unbeirrt. Alles im Zeitplan, alles wie versprochen, rief er kürzlich in Atlanta jubelnden Veteranen zu. Am Termin wird nicht gerüttelt. Bis zum 31. August sollten die Kampftruppen endgültig aus dem Irak abrücken, und dann liegt die Verantwortung wieder voll in den Händen Bagdads. Augen zu und durch, bevor es noch schlimmer wird, scheint inzwischen die Devise im Weißen Haus zu sein. Und das Oberkommando vor Ort klammert sich an die vage Hoffnung, dass die irakischen Sicherheitskräfte endlich aufwachen, wenn sie ihre US-Mentoren nicht mehr hinter sich wissen.

Iraks Armeechef jedenfalls ist ziemlich mulmig zumute. Mindestens bis 2020 müssten die Amerikaner noch im Irak bleiben, dann erst seien seine Leute in der Lage, die Sicherheit zu garantieren. Das sagt er seit Wochen jedem, der ihm zuhört. Zwar verfügen Polizei und Militär mit rund 750.000 Mann über eine beachtliche Truppenstärke. Doch die USA wissen ganz genau, dass Schlagkraft und Einsatzwille auch nach Jahren der Aufbauarbeit sehr zu wünschen übrig lassen. Offiziere sind korrupt, Mannschaften werden schlecht behandelt und haben keine Lust, ihre Haut zu riskieren. Faulheit sei verbreitet wie eine Seuche, heißt es in einem internen US-Memorandum. Auch kann die einheimische Militärführung in ihren Einheiten offenbar weder Disziplin noch einfachste militärische Standards durchsetzen. Die Gepflogenheit irakischer Trupps, bei gemeinsamen nächtlichen Patrouillen erst gar nicht anzutreten, gehört seit langem zu den Kantinenanekdoten der US-Einheiten. Kaum besser ist die Lage bei der Polizei. Jeder fünfte Ordnungshüter kann nach Schätzung von Nato-Ausbildern nicht lesen und schreiben. Viele sind bestechlich und unzuverlässig – und bis sich diese Mentalität wandelt, das kann noch lange dauern.

So wundert es nicht, dass Al Qaida in letzter Zeit vor allem Polizisten und Soldaten ins Visier nimmt. Wer sich als Rekrut bewirbt, muss schon am Vorstellungstag in der Kaserne um sein Leben fürchten, heißt die Botschaft des jüngsten Selbstmordanschlags am Dienstag. Polizisten an Straßensperren oder auf Verkehrsinseln werden aus fahrenden Autos heraus abgeknallt. Dreimal zogen in letzter Zeit die Attentäter anschließend sogar mitten in Bagdad ihre schwarzen Al-Qaida-Flaggen auf. Zwar meldete die US-Armee 2010 einige spektakuläre Erfolge gegen deren Führung, die Schlagkraft der Terroristen hat sich jedoch nicht verringert. Ihre Ränge füllen sich wieder und niemand ist mehr sicher vor den Mordkommandos, die Menschen nachts mit schallgedämpften Pistolen in ihren Häusern überfallen oder magnetische Bomben an deren Haus- und Gartentüren sowie Autos heften. Wahllos trifft es Familien von Politikern, Polizisten, gemäßigten Klerikern, Offizieren und Ärzten sowie Mitglieder religiöser Minderheiten. Jeder, der für den irakischen Staat arbeitet und sich für demokratische Verhältnisse einsetzt, gilt als Ziel.

Auch andere Verbrechen, die in keiner irakischen Gewaltstatistik auftauchen, breiten sich aus wie eine Seuche. Viele der vier Millionen Flüchtlinge haben das Kidnapping eines Verwandten durchgemacht oder sind durch Drohungen aus ihren Häusern vertrieben worden. Nicht nur Al Qaida, auch kriminelle Banden fördern die Anarchie im Land, während es mit der politischen und ökonomischen Situation weiter bergab geht. Strom gibt es nur für wenige Stunden, ausländische Investoren bleiben weg, der Wiederaufbau des kriegsruinierten Landes stagniert. Und fünf Monate nach den Wahlen im März ist immer noch keine neue Regierung in Sicht. Das Parlament hat sich nach einer einzigen zwanzigminütigen Sitzung auf unbestimmte Zeit vertagt. Die beiden Hauptrivalen, Ex-Premier Ijad Allawi und der bisherige Regierungschef Nuri al Maliki, sind hoffnungslos ineinander verkeilt. Zuletzt versuchte US-Vizepräsident Joe Biden in Bagdad, die Kontrahenten zur Vernunft zu bringen und zu einer Regierung der nationalen Einheit zu überreden. Am Montag nun gaben beide Seiten bekannt, ihre Gespräche seien endgültig gescheitert.

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