Türkei : Am Rande der Selbstüberschätzung

Der türkische Ministerpräsident Erdogan reist zur Zeit durch drei nordafrikanische Revolutionsstaaten und lässt sich feiern. Aber Beifallsstürme wird er nicht überall ernten.

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Recep Tayyip Erdogan, der türkische Premier, auf Rundreise in Nahost.
Recep Tayyip Erdogan, der türkische Premier, auf Rundreise in Nahost.Foto: dpa

Die Türkei ist in vielerlei Hinsicht ein Modell für den neuen Nahen Osten nach dem Arabischen Frühling. Sie ist eine muslimische Demokratie, die es dank eines kräftigen Wirtschaftsaufschwungs geschafft hat, immer breiteren Bevölkerungsschichten einen gewissen Wohlstand zu sichern. Das sind große Leistungen, und so ist es verständlich, wenn sich der türkische Ministerpräsident Erdogan derzeit bei seiner Rundreise durch drei nordafrikanische Revolutionsstaaten als Held feiern lässt. Doch die Türken laufen Gefahr, ihre eigene Stärke und Beliebtheit zu überschätzen. 

Da ist zum einen der Blick der Araber auf die Türken. Als Erbe des Osmanischen Reiches blickt die Türkei mit verklärtem Blick auf die Vergangenheit des Nahen Ostens unter den Sultanen zurück. Frieden und Verständigung hätten damals in der Region geherrscht, sagen türkische Politiker. Viele Araber haben die Osmanen-Herrschaft aber ganz anders erlebt. Wenn Erdogans neue Türkei nun die Führerschaft in der Region an sich reißen will, wird das längst nicht überall mit Beifallsstürmen quittiert werden.

Im Streit mit Israel demonstriert Erdogan, dass er die Türkei für einen Staat hält, der unabhängig von den Interessen der USA im Nahen Osten agieren kann. Das stimmt zwar in gewissem Maße und unterscheidet die Türkei von anderen Akteuren in der Region. Doch es bleibt eine Tatsache, dass die Türkei ihren eigenen Interessen schadet, wenn sie zu weit geht und die Partnerschaft mit Washington aufs Spiel setzt. Hier sind Erdogans hochfliegenden Plänen klare Grenzen gesetzt.

Ohnehin sind die Türken längst nicht so einflussreich, wie sie sich selbst gerne sehen. Die jüngste Annäherung zwischen den Palästinensergruppe Fatah und Hamas wurde nicht von Ankara, sondern von Ägypten organisiert. Türkische Initiativen zur Befriedung Syriens scheiterten ebenso wie die Vermittlung Ankaras im Atomstreit zwischen dem Westen und dem Iran.

Vor allem aber hat die Türkei im Innern noch gewaltige Probleme zu bewältigen. Der Kurdenkonflikt, der fast täglich Menschenleben kostet, ist wie eine offene Wunde, Ostanatolien ist verarmt und sozial rückständig, trotz des kräftigen Wirtschaftswachstums sind hunderttausende junge Türken arbeitslos. Erdogan hat allen Grund, selbstbewusst aufzutreten. Aber er sollte sich daran erinnern, dass Hochmut vor dem Fall kommt.

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