Meinung : Türkei: Genossen und andere Feinde

Susanne Güsten

Ahmet Ibili starb einen spektakulären Tod. Als lebende Fackel stürzte sich der 32-jährige Häftling den Truppen entgegen, die das Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis Ümraniye stürmen wollten. Bevor der am ganzen Leib brennende Mann sich auf sie werfen konnte, schossen die Soldaten ihn nieder. Nun ist Ahmet Ibili tot, die Schuldfrage aber offen: Fanatischer Selbstmord oder brutale Hinrichtung? Die türkische Regierung schimpft Ahmet Ibili einen Terroristen, seine Genossen preisen ihn als Märtyrer. Wahr ist wohl nichts davon, die Wahrheiten in der Türkei sind komplizierter.

Die meisten Opfer hätten sich selbst verbrannt, so behauptet das Innenministerium - eine auf den ersten Blick abenteuerliche Behauptung. Allerdings bestätigen die Anhänger der Häftlinge genau diese Version. "Indem wir Märtyrer schaffen, bringen wir Schande über die mörderischen Behörden", erklärt die Revolutionäre Volksbefreiungsfront (DHKC) ihre Taktik der Selbstverbrennungen.

Die Menschenverachtung ist in der Auseinandersetzung um die türkischen Gefängnisse nicht auf eine Seite beschränkt. Die DHKC, die den Hungerstreik in den Haftanstalten ausgerufen hatte, gilt selbst den USA als eine der gefährlichsten Terrorgruppen der Welt. Dutzende Mordanschläge und Terrorakte gehen auf das Konto der linksextremistischen Gruppierung. In Deutschland ist sie seit 1983 verboten.

In den türkischen Gefängnissen führt die DHKC ein Schreckensregiment. Amnesty International hat eine ganze Liste von Namen getöteter Häftlinge, die hinter Gefängnismauern von den eigenen Genossen umgebracht wurden - aus Gründen der Parteidisziplin. Begünstigt wurde dieser eiserne Griff, mit dem die Organisation ihre Mitglieder auch hinter Gittern auf Linie halten konnte, durch das Schlafsaal-System in den türkischen Gefängnissen, das die Regierung jetzt durch Zellen ersetzen wollte.

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Ahmet Ibili zum Beispiel war kein Gewaltverbrecher. Er arbeitete für eine Wochenschrift der DHKC und wurde 1993 bei einer Razzia in deren Redaktionsbüro festgenommen. Bei der Festnahme wurde er nach Erkenntnissen der UN-Menschenrechtskommission mit dem Kopf so lange auf den Boden geschlagen, bis er das Bewusstsein verlor. Auf der Polizeiwache wurde er tagelang gefoltert und mit dem Tode bedroht. Im Ümraniye-Gefängnis erkrankte er nach Angaben eines Verbandes von Gefangenen-Angehörigen an Tuberkulose, erhielt aber keine medizinische Behandlung. Von der Verlegung aus dem Kreis seiner Genossen in eine kleine Zelle konnte Ibili also nichts Gutes erwarten. Schon im Oktober schloss er sich dem Hungerstreik an; bis zu seinem Tod hatte er mehr als 20 Kilo abgenommen.

Am Ende des Dramas um die Gefängnisreform sah Ahmet Ibili nur noch die Wahl, sich zu verbrennen oder erschießen zu lassen. Die türkische Regierung stand vor der Wahl, die Häftlinge verhungern zu lassen oder sie mit Gewalt aus den Haftanstalten zu holen. Eine ausweglose Situation für alle Beteiligten. Die Gesellschaft ist, nachdem jahrzehntelang mit Gewalt Konflikte gelöst wurden, innerlich zerrissen. Einfache Lösungen gibt es in der Türkei nicht, einfache Wahrheiten sowieso nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben