Türkei : Ist Blutrache un-europäisch?

Das konnte ja nicht ausbleiben nach dem Massaker von Mardin: die Frage nach der EU-Fähigkeit der Türkei. Selbst wenn Marsmenschen landen würden in Anatolien, fände sich alsbald ein deutscher Politiker, der diese Frage daran knüpft.

Kommentar von Susanne Güsten

Das konnte ja nicht ausbleiben nach dem Massaker von Mardin: die Frage nach der EU-Fähigkeit der Türkei. Selbst wenn Marsmenschen landen würden in Anatolien, fände sich alsbald ein deutscher Politiker, der diese Frage daran knüpft. Sicher kann man immer wieder einmal nach der EU-Fähigkeit der Türkei fragen - ob das Glas nun halb voll ist oder halb leer, was die Fortschritte bei der politischen und wirtschaftlichen Annäherung an Europa angeht.

Was aber hat ein Verbrechen – und sei es noch so scheußlich – mit der Beitrittsfähigkeit zu tun? Sollte Österreich aus der EU ausgeschlossen werden, weil dort Kinderschänder ihr Unwesen treiben? Oder unterscheidet man zwischen europäischen Verbrechen wie Kinderschänderei und Amokläufen in Schulen einerseits und un-europäischen Verbrechen wie Blutrache andererseits? In diesem Fall müsste allerdings auch die italienische EU-Mitgliedschaft noch einmal auf den Prüfstand, wegen der Blutfehden in Sizilien, von der Mafia ganz zu schweigen.

Man kann und muss dem türkischen Staat vorwerfen, dass er die Blutfehden nicht effektiv genug bekämpft. Doch wenn jedes barbarische Verbrechen zum Hindernis für die Europa-Fähigkeit eines Staates erhoben würde, hätte die EU wohl bald überhaupt keine Mitglieder mehr.

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