Türkei und Syrien : Die Gefahr eines Krieges macht Angst

12.10.2012 00:00 Uhrvon
Sicherheitskräfte und Zivilisten fliehen am Mittwoch (03.10.12) im türkischen Akcale an der syrischen Grenze nach einem Bombenangriff. Foto: dapd
Sicherheitskräfte und Zivilisten fliehen am Mittwoch (03.10.12) im türkischen Akcale an der syrischen Grenze nach einem Bombenangriff. - Foto: dapd

Die Türkei wird immer stärker Teil des Syrien-Konflikts. Doch niemand kennt in diesem Fall die Wahrheit so gut, dass er eine einfache Entscheidung treffen kann.

Das Erste, was im Krieg stirbt, ist die Wahrheit. Warum ich darauf komme? Nun, ich bin zurzeit in einem Land, das sich nicht de jure, aber de facto im Kriegszustand befindet. Glauben Sie mir, bei allem, was ich an meinem Heimatland Deutschland herumzukritteln habe, weiß ich es zu schätzen, dass dort, wo ich zu Hause bin, Frieden herrscht. Das Land, das sich gerade im Kriegszustand befindet, ist aber auch das Land, aus dem ich gekommen bin und in dem Menschen leben, die mir viel bedeuten.

Das berührt mich.

Wenn Granaten über die Grenze fliegen und eine Familie auslöschen und die türkische Armee zurückschießt, macht mir das Angst. In Syrien ist Bürgerkrieg. Und wie wenig man auszurichten vermag, macht mich fassungslos. Die Regierung ließ mit scharfer Munition auf Demonstranten schießen, Geheimdienste meucheln, reguläre Soldaten bekämpfen die Bevölkerung. Demgegenüber stehen die Gegner des Regimes, die erklären, für Demokratie zu kämpfen. Blutrünstig zu sein, eint beide Gruppen, so scheint es.

Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. Foto: promo
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. - Foto: promo

Nun unterstützt die Türkei halb offen die Opposition. Die syrische Armee wiederum schießt in die Türkei, in der Hoffnung, das Land in den Konflikt hineinzuziehen. Der Westen steht hinter der Opposition, diese aber wird von radikalen Kräften unterstützt, gegen die der Westen an anderen Orten auf der Welt kämpft. Russland und China stehen hinter dem Assad-Regime, weil sie befürchten, an Einfluss in der Nähe von Ölquellen zu verlieren, und der Iran fürchtet um seinen letzten Vasallen. Saudi-Arabien unterstützt die Rebellen, eine Rebellion, die sie im eigenen Land mit nagelneuen deutschen Leopard-Panzern niederwalzen würde. Und die Türkei weiß, dass, wenn sie sich in einen Krieg hineinziehen lässt, ihre Energieversorgung, die sich auf den Iran und Russland stützt, gefährdet wäre.

Während alle ihre Interessen wahren, verrecken Frauen und Kinder im Kugelhagel, werden Männer zu Mördern und enden als Krüppel. Mich erinnert das an den Beginn des Ersten Weltkrieges. Jeder wusste, wo er stand und am Ende setzte sich eine Kette von Automatismen in Gang, der sich niemand widersetzte.

Die Alternative ist die: Die Türkei marschiert in Syrien ein, die Nato leistet Beistand. Der Iran unterstützt Syrien mit Truppen und sperrt die Straße von Hormus, die Amerikaner kämpfen den Seeweg frei, Israel bombardiert die iranischen Atomanlagen, woraufhin die Palästinenser rebellieren. Es gibt Anschläge in Europa und den USA, China findet, jetzt wäre ein günstiger Zeitpunkt, Taiwan zurückzuholen und spätestens dann ist die Rente mit 67 kein Thema mehr. Sie denken, ich überziehe? Hoffentlich! Denn ich denke auch an die Wehrpflichtigen in der Türkei. Und ich denke, dass niemand in diesem Konflikt die Wahrheit so gut kennt, dass er eine einfache Entscheidung treffen kann.

Demokratie überlebt nicht von allein, Frieden ist zerbrechlich. Oder wie mein Vater sagen würde: „Denize düsen, yilana sarilir – wer zu ertrinken droht, klammert sich auch an eine Schlange.“

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