Meinung : …Türkei

Thomas Seibert über den Verlust von sechs Nullen und die Wiederkehr einer verloren geglaubten Münze

In diesem Land träumte man nicht davon, Millionär zu werden. Man musste Millionär sein, um im Alltag zu bestehen. 1,5 Millionen kostete eine Flasche Wasser, acht Millionen die Busfahrt vom Stadtzentrum zum Flughafen. Das ist vorbei. Die Türkei hat mit dem Jahreswechsel die Neue Türkische Lira (YTL) eingeführt und sechs Nullen gestrichen – aus einer Million wird eine Lira, knapp ein halber Euro. Seit Sonnabend sind neue Scheine im Wert von einer, fünf, zehn und 20 YTL im Umlauf. Als Münze kehrt der Kurus zurück, der seit 30 Jahren verschwunden war.

Lange hatten die Türken unter einer hohen Inflation gelitten, die zeitweilig dreistellig war und selbst 2002 noch 70 Prozent betrug. Inzwischen liegt sie unter zehn Prozent. Für eine ganze Generation von Türken ist es das erste Mal in ihrem Leben, dass sich die Preise nicht dauernd verdoppeln und verdreifachen. Nach dem Währungsschnitt wird niemand, der einen Kühlschrank oder Fernseher bar bezahlen will, mehr eine Plastiktüte voller Millionen-Lira- Scheine mitnehmen müssen – auch das eine neue Erfahrung.

Die Umstellung ist ein Zeichen für das gestiegene Selbstbewusstsein eines Landes, dessen Wirtschaft noch vor drei Jahren vor dem Abgrund stand, inzwischen aber Wachstumsraten aufweist, von denen andere Länder nur träumen. Die Währungsreform wird auch den vielen Türkei-Urlaubern das Leben erleichtern, die bisher bei jedem kleinen Einkauf mit Millionensummen jonglieren mussten und umso leichter Opfer von Betrügern wurden.

Die meisten Türken unterstützen die Währungsumstellung. In den letzten Tagen des alten Jahres machte freilich die Angst vor gefälschten 20-Millionen-Scheinen die Runde. Auffällig neu und sauber wirkende Banknoten wollte niemand gern entgegennehmen. Um den Übergang zu erleichtern, werden beide Währungen ein Jahr lang gleichzeitig verwendet, die Waren werden in beiden Preisen ausgezeichnet.

Mit der Währungsreform tauchen auch wieder Münzen im türkischen Alltag auf. Der Kurus (sprich: Kurusch), die Untereinheit der Lira war von der galoppierenden Inflation schon vor vielen Jahren vernichtet worden. Die türkische Zentralbank schließt nicht aus, dass es besonders in den ersten Wochen des neuen Jahres Engpässe bei den Kurus-Münzen geben könnte, wenn sich Einzelhändler und Verbraucher auf sie stürzen. Fürs Erste aber vermeldete die Nachrichtenagentur Anadolu am Neujahrstag: Die Einführung der neuen Währung verlief ohne Probleme.

0 Kommentare

Neuester Kommentar