Meinung : …Türkei

Susanne Güsten

An einem normalen Arbeitstag ist Raphaela Ferraro eher spärlich bekleidet. Das Fotomodell aus Brasilien wirbt leicht geschürzt für Bier und lässt sich zuweilen oben ohne ablichten. Doch jetzt hüllte sich die schwarzhaarige Brasilianerin in der Türkei für Reklameaufnahmen in strenge islamische Gewänder und setzte ein frommes Kopftuch auf. Prompt gingen konservative Islamisten gegen das Mannequin auf die Barrikaden.

Ferraro war in der Türkei bisher vor allem den Lesern diverser Klatschblätter ein Begriff. Als Freundin des türkischen Unternehmers Ali Soydan hatte sich Ferraro erst vor wenigen Tagen im Urlaubsort Bodrum an der Ägäis in einem knappen Bikini unter der Dusche fotografieren lassen. Kurz darauf erschienen Fotos der Katholikin in Kopftuch und „tesettür“ – der sittsamen Kleidung frommer islamischer Frauen. In der Zeitung „Hürriyet“ auf den schnellen Wechsel von der knappen Bademode zum züchtigen Kopftuch angesprochen, sagte das Model, sie sei eben Profi. „Ich tue meine Arbeit.“ Das finden einige türkische Islamisten überhaupt nicht lustig. Die Parlamentsabgeordnete Gülseren Topuz von der Regierungspartei AKP sieht in Ferraros Verhalten eine Beleidigung ihres Glaubens und fragte öffentlich bei den Ministerien für Inneres und Finanzen an, ob die Brasilianerin überhaupt eine Arbeitsgenehmigung habe und Steuern zahle. Topuz regt sich zudem darüber auf, dass Ferraro gesagt hatte: „Kopftücher stehen mir doch gut“ – offenbar findet die Abgeordnete, diese Bemerkung reduziere ein Zeichen der Religion zu einem Modeartikel. „Was weiß die denn schon vom Islam?“, fragte Topuz. Es gehe nicht an, dass man zuerst halbnackt vor der Kamera posiere und anschließend „tesettür“ trage.

Ferraros Engagement ist auch ein Ausdruck dafür, dass die „tesettür“-Mode am Bosporus inzwischen zu einem interessanten Markt geworden ist. Noch vor einigen Jahren trugen fromme Türkinnen vor allem Grau- und Brauntöne, die alles andere als attraktiv wirkten. Inzwischen aber flanieren besonders in den großen Städten immer mehr junge Frauen selbstbewusst in bunten Seiden-Kopftüchern und raffiniert geschnittenen „tesettür“-Gewändern durch die Straßen. Ferraro wurde auch von einem Schuhhersteller angeheuert, der das Mannequin bei einigen Aufnahmen für seinen Katalog in islamische Kleidung steckte, um seine Modelle für fromme Türkinnen interessant zu machen. Ferraros Gegnerin Topuz kann sich trotzdem nicht mit der Brasilianerin anfreunden: „Haben wir denn keine eigenen Mannequins mehr?“

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