Türkisch-armenische Einigung : Neue Ordnungsmächte

Die Türkei und Armenien wollen sich aussöhnen – trotz Vorbehalten in beiden Ländern.

Susanne Güsten

Hin und wieder gibt es Momente in der internationalen Politik, die den grauen Alltag weit weg erscheinen lassen. Die Unterzeichnung mehrerer Grundsatzvereinbarungen zwischen den langjährigen Erzfeinden Türkei und Armenien an diesem Samstag ist so ein Moment. Trotz ihrer blutigen Geschichte wollen sich beide Länder annähern. Die internationale Gemeinschaft applaudiert zu Recht. Das Beste an der türkisch-armenischen Einigung ist, dass sie auf wohlverstandener Interessenspolitik beider Seiten basiert. Dies dürfte den Widerstand gegen die Vereinbarungen unter den Neinsagern in den beiden Staaten schwächen. Wenn die anstehenden Vereinbarungen umgesetzt werden, dann wird man die türkisch-armenische Annäherung durchaus mit der Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen vergleichen können. Auch im südlichen Kaukasus ginge dann eine „Erbfeindschaft“ zu Ende.

Dennoch: Für viele Menschen in beiden Staaten ist das, was ihre Regierungen in Zürich unterzeichnen wollen, inakzeptabel. Die Armenier können nicht vergessen, was ihren Verwandten 1915 im untergehenden Osmanischen Reich von Türken und Kurden angetan wurde. Bis zu 1,5 Millionen Menschen starben damals, die Armenier sprechen von Völkermord.

Türkische Nationalisten heben dagegen die Attacken armenischer Freischärler hervor, denen in den Jahren um 1915 viele Muslime zum Opfer fielen. Der armenische Angriff auf die Enklave Berg-Karabach in Aserbaidschan, einem engen türkischen Verbündeten, in den 90er Jahren bestätigte viele Türken nur noch in ihrer Meinung, dass die Armenier nichts Gutes im Schilde führen.

Trotz dieser Widerstände haben türkische und armenische Diplomaten unter Schweizer Vermittlung eine Reihe von Vereinbarungen ausgehandelt, die das Etikett „historisch“ verdienen. Armenien, arm und isoliert, verspricht sich von einer Normalisierung seiner Beziehungen mit dem großen Nachbarn Türkei ein wenig mehr Wohlstand. Die Türkei will sich zu einer Ordnungsmacht entwickeln, die auf dem Balkan ebenso mitmischen kann wie im Kaukasus oder im Nahen Osten. „Null Probleme“ mit den Nachbarstaaten seien dafür die Voraussetzung, lautet der Grundgedanke der Politik von Außenminister Ahmet Davutoglu.

Einflussreiche Kräfte in der Türkei sind mit „null Problemen“ allerdings überhaupt nicht einverstanden. Der türkische Berufungsgerichtshof hat jetzt ein Schadenersatzverfahren gegen den Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk zugelassen. Der Autor soll mit einer Äußerung über die Ermordung von Armeniern die Persönlichkeitsrechte heute lebender Türken verletzt haben, argumentierte das Berufungsgericht allen Ernstes.

Daraus spricht die Verzweiflung türkischer Nationalisten über die Lockerung des Armeniertabus. Ob man es nun Völkermord nennt oder nicht: Der Tod der Armenier 1915 ist ein bitteres historisches Erbe, mit dem sich die Türken auseinandersetzen müssen. Das ist schwierig. Einfacher erscheint es da, die Debatte über die blutige Geschichte per Gesetz zu verbieten. Es ist gut, dass die Regierungen der Türkei und Armeniens nun einen anderen Weg gehen.

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