Meinung : Türkisch-griechischer Konflikt: Eine Charme-Offensive

Thomas Seibert

Der griechische Außenminister Georgios Papandreou ist ein kluger Mann. Wenige Tage vor einem Besuch in Ankara lud er jetzt führende Journalisten der wichtigsten Zeitungen und Fernsehsender der Türkei ein, um mit ihnen über die Annäherung zwischen Athen und Ankara zu sprechen. Papandreou versprach bei dem Treffen, Griechenland werde alles tun, um der Türkei bei der Überwindung der schweren Wirtschaftskrise und auf dem weiteren Weg in die EU zu helfen. Griechenland betrachte die Türkei nicht mehr als Feind.

Papandreous warme Worte schlugen gestern in der türkischen Öffentlichkeit wie eine Bombe ein: Die Zeitungen feierten die "Friedensbotschaft" des griechischen Ministers, der in der türkischen Presse mit dem Kosenamen "Yorgo" bedacht wird. Ganz nebenbei schaffte es "Yorgo" mit seinem Schachzug auch, die Türkei bei einigen wichtigen bilateralen Problemen in die Defensive zu bringen.

Papandreou schlug unter anderem vor, Griechenland und die Türkei sollten ihre hohen Rüstungsausgaben zurückschrauben. Als Beispiel zog er die kürzliche Entscheidung Athens heran, den Kauf neuer Kampfjets vom Typ Eurofighter auf das Jahr 2004 zu verschieben - das gesparte Geld werde in die Sozialpolitik gesteckt. Die von der Wirtschaftskrise gebeutelten Türken werden es mit Interesse vernommen haben.

Vor seinem Besuch in Ankara brachte Papandreou seine Gastgeber auch bei einem anderen heiklen Thema in Erklärungsnöte. Er will die seit 1974 zwischen Griechen und Türken geteilte Mittelmeerinsel Zypern völlig entmilitarisieren, um Ängste auf beiden Seiten der Grenze abzubauen. "Lasst uns konstruktive und kreative Gedanken entwickeln", sagte er. Es ist allerdings nicht sehr wahrscheinlich, dass Papandreous Anregung realisiert wird. Die Türkei hat rund 30 000 Soldaten im Nordteil der Insel stationiert und und zeigt keinerlei Neigung, daran etwas zu ändern. Viele Zypern-Türken befürchten für den Fall eines Abzuges der türkischen Truppen neue Übergriffe der griechischen Mehrheit auf der Insel. Auch sind die politischen Positionen auf Zypern so verhärtet wie eh und je.

Ist das Ganze also nur ein diplomatischer Trick? Nicht ganz. Papandreou selbst gibt zu, dass Griechenland und die Türkei noch sehr weit von einer Übereinkunft bei den grundlegenden Streitthemen wie dem Zypern-Problem entfernt sind. Doch die neuen Vorschläge des Ministers haben festgefahrene Diskussionen neu belebt und den Ball ins türkische Feld bugsiert. Die Tatsache, dass die türkische Regierung Papandreous Äußerungen nicht als Propaganda verwarf, sondern vorsichtig positiv reagierte, zeigt zudem, dass Athen und Ankara seit dem Beginn der beiderseitigen Annäherung vor zwei Jahren zumindest eines schon erreicht haben: Nicht hinter jeder Aktion des jeweiligen Gegenübers wird gleich ein feindseliger Akt gesehen. In der langen Geschichte der griechisch-türkischen Animositäten ist das schon ein Erfolg. Vielleicht erlebt es "Yorgo" ja wirklich noch, dass eines seiner Ziele fürs griechisch-türkische Verhältnis Wirklichkeit werden.

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