Meinung : Tunnel-Inferno: Leitartikel: Das war nicht die Macht des Schicksals

Gerd Appenzeller

An der Talstation der Gletscherbahn von Kaprun stehen Autos. Irgendwelche Menschen werden sie in den nächsten Tagen abholen. Es werden nicht die Besitzer sein. Wahrscheinlich werden die, die dann kommen, weinen. Die Menschen, denen die Autos gehören, leben nicht mehr. Sie, und die, die mit ihnen ins Salzburger Land reisten, sind verbrannt. Verbrannt am 11. November des Jahres 2000, morgens kurz nach neun Uhr. Verbrannt im mehr als drei Kilometer langen Tunnel einer Standseilbahn auf dem Weg in ein Skigebiet. 155 Menschen, Österreicher, Japaner, Amerikaner, Slowenen, Kroaten und Deutsche. Und was dieses grauenhafte Unglück noch furchtbarer macht: Es sind so viele Kinder, so viele Jugendliche unter den Opfern. Denn Snowboardfahren auf dem Gletscher, deswegen waren sie gekommen, das ist ein Sport für die ganz Jungen, ein Sport für Menschen voller Lebenslust und auch voller Wagemut.

Menschliches Leben ohne Sterben gibt es nicht. Und Leben ohne Unglücke gibt es auch nicht. Aber wir verstehen diese Unglücke am wenigstens dann - aber wann versteht man ein Unglück überhaupt? -, wenn es Kinder trifft. Dass Kinder vor ihren Eltern sterben, ist wider die Natur. Natürlich geschieht es dennoch immer wieder. Kinder werden krank. Gegen eine Krankheit kann man sich wehren. Auf eine Krankheit kann man sich einstellen. Auch auf das Sterben am Ende einer unheilbaren Krankheit. Dann kann man auch Abschiednehmen. Aber tödliche Unglücke wie das vom Sonnabend sind wie ein grausamer Schlag. Sie kommen unvorbereitet. Und vor den Augen der Eltern dieser Kinder wird immer die Vorstellung stehen, wie verzweifelt, wie einsam im Leid die letzten Lebenssekunden der Mädchen und Jungen gewesen sein müssen.

So, wie diese Eltern nie aufhören werden, an ihre Kinder zu denken, werden sie so lange nicht aufhören zu fragen, warum das geschehen konnte, bis man ihnen eine Antwort gegeben hat. Und wenn sie diese Antwort kennen, werden sie weiter bohren. Sie werden die Frage nach der Schuld und nach den Schuldigen stellen. Und dann werden sie wissen wollen, was getan wird, damit sich ein solches entsetzliches Unglück nicht wiederholt. Und mit ihnen werden viele Eltern fragen und bohren, deren Kinder auch Ski- und Snowboardfahren, Kinder, die Seilbahnen benutzen. Sie werden fragen und bohren, weil sie fest davon überzeugt sind, dass diese Katastrophe nicht unvermeidbar, nicht schicksalhaft gewesen ist.

Ganz offenkundig war das, was am Kitzsteinhorn geschah - nicht nur wegen der viel größeren Dimension - doch eine andere Art von Unglück als ein Autounfall, der unausweichlich kommt, weil jemand eben gerade dort war, wo ein anderer Fahrer einen folgenschweren Fehler machte. Eine Fahrt mit einer Standseilbahn ist keine Erfahrung im Grenzbereich. In einer Standseilbahn rechnet man nicht, anders als auf der Straße, mit irgendeiner Gefahr. Sie hat nichts an sich, dem man sich nicht aussetzen sollte, wenn man Risiken scheut. Eine Seilbahn wie die von Kaprun ist ein Produkt konventioneller Mechanik, eine alte, vertrauenswürdige Technik, die absolut beherrschbar ist. Da muss also noch etwas anderes gewesen sein, etwas, das erklärt, warum eine solche Seilbahn ohne eigenen Motor, die angeblich aus unbrennbaren Materialien gebaut wurde, plötzlich in hellen Flammen stand.

Sind in dieser Bahn, wie nun gemunkelt wird, nicht nur 160 Menschen, sondern auch Treibstoff für die Pistenfahrzeuge, Gasflaschen für ein Restaurant oder Feuerwerkskörper für eine abendliche Fete befördert worden? Hat niemand bedacht, dass ein Kurzschluss Kabelisolierungen und Ölabrieb an den Fahrgestellen in Brand setzen könnte - und dass Skier und Snowboards aus schnellbrennbarem Plastikmaterial bestehen? Ist es nicht leichtfertig, wenn es in dieser Bahn und im ganzen Tunnel keine einzige Möglichkeit der Brandbekämpfung gibt, nicht einmal einen Feuerlöscher, geschweige denn einen Fluchttunnel?

Die verlassenen Autos an der Talstation der Seilbahn von Kaprun werden in den nächsten Tagen abgeholt werden. Die Frage nach dem Warum bleibt am Kitzsteinhorn zurück. So lange, bis sie beantwortet ist. Restlos.

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