Meinung : Tusch heißt jetzt Anstoß

Roger Boyes, The Times

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Meine Generation ist vermutlich die letzte, die noch der Magie des Zirkus erlegen ist, dem Geruch von Sägemehl und Elefantenmist, dem merkwürdigen Anblick der Akrobatin, die mit ihren Oberschenkeln den Kopf ihres Partners fest umklammert hält.

Heute, dank einer der letzten Entscheidungen von Rot-Grün, sind wilde Tiere in der Zirkusarena verboten, und wenn der Zirkus schon einmal bei einem seiner seltenen Besuche in der Stadt auftaucht, dann besteht er aus kaum mehr als einer Varietéveranstaltung mit ein paar Ponys. Das ist sicher schön für die gesammelte Löwen- und Tigertruppe, die leider oft fast genauso abgenagt und ausgelaugt aussah wie die Frau am Trapez.

Aber das hat die Berliner Kindheit um eine weitere märchenhafte Erfahrung beraubt (obwohl wir natürlich inzwischen in Neukölln Schüler haben, die sich wie wilde Tiere benehmen). Die Schule zu schwänzen, um den Zirkusmenschen beim Aufbau ihres Zeltes zuzuschauen, war sinnvoll eingesetzte Zeit. Peter Frankenfeld, der erste wirkliche Fernsehsuperstar im Nachkriegsdeutschland, rannte weg aus seinem Friedrichshainer Heim (in der Bödikerstraße), um beim Wanderzirkus anzuheuern. Paula Busch aus der Zirkusdynastie gleichen Namens wohnte im Grunewald. Die bemerkenswerte Therese Renz begann ihre Karriere als Stehend- und Parforcereiterin und beendete sie als Elefantenvorführerin. Sie wohnte in Kreuzberg.

Berlin in alten Zeiten atmete und lebte den Zirkus: es gab hier Zauberer, Wahrsager und den Feuerschlucker Otto Witte, der ins Gefängnis geworfen wurde, weil er versucht hatte, die Tochter des abessinischen Herrschers Menelik II. zu verführen. Er brach aus und ging zur Fremdenlegion; dort desertierte er und wurde mit 40 Major in der türkischen Spionageabwehr. Nicht schlecht für einen Zirkusjungen, aber auch nicht wirklich verwunderlich.

Berlin ist eintöniger geworden. Nur das eine oder andere Zwergpony auf dem Ku’damm, das Geld für die Winterquartiere sammelt, erinnert uns an vergangene Zeiten. Wovon träumen Jungs heute? Naja, wegzulaufen, um eine Fußballstar zu werden natürlich. Wie vielen Lesern gehen mir die Scheindebatten auf den Geist (Beckenbauer gegen Klinsmann, Kahn versus Lehmann: ist doch alles egal). Aber vor ein paar Tagen sah ich, wie sich ein paar kleine Jungs die Nasen an der Fensterscheibe von Niketown platt drückten, und dachte: Vielleicht sollte man sich die Fußballweltmeisterschaft als gigantischen Wanderzirkus vorstellen. Etwas, das Kinder (und nicht nur Jungs) auf Jahre hinaus prägen wird, ein Strahlen in ihre Augen bringt, wenn sie so alt sind, wie ich es heute bin.

Der Zirkus war deshalb erfolgreich, weil er voller Spannung war: Beißt der Tiger dem Dompteur den Kopf ab (ja, bitte!), stürzt der Drahtseilkünstler in den Tod? Im Zirkus spürte man immer die Leidenschaft hinter den Kulissen. Fußball, global, lokal, ist dem nicht mehr unähnlich. Es ist faszinierend, dass einer der großen wirtschaftlichen Wettkämpfe, der zwischen Adidas und Puma, als eine Fehde zwischen zwei Brüdern, Adi und Rudi Dassler, entstand. Das ist ein bisschen wie im Zirkus, wie auch bei dem ganzen Trara, das um die WM veranstaltet wird.

Ich kann gut verstehen, warum die Jungs sich schon jetzt in Berlins Fußballgeschäften herumtreiben in der Hoffnung, dass ein wenig von der Magie eines Zidane oder Ronaldinho auf sie abfärbt. Sollten sie nicht lieber in der Schule sein. Oh, nein. Wir sind schließlich in Berlin und der Zirkus ist wieder einmal zu Besuch.

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