Twitter und Journalisten : Kurznachrichtendienst als Cybermobbing-Plattform

Eine Bundespressekonferenz wird im Netz zum Sinnbild des unterentwickelten Journalismus stilisiert. Doch Laura Stresing meint: Twitter oder Nicht-Twitter - das ist im Journalismus nicht die Frage. Ein Plädoyer gegen Gruppenzwang.

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Der stellvertretende Regierungssprecher Christoph Steegmans wirkte genervt von den Fragen der Journalisten.
Der stellvertretende Regierungssprecher Christoph Steegmans wirkte genervt von den Fragen der Journalisten.Foto: Carta

Der Microblogging-Dienst Twitter hat in der Nachrichtenwelt neue Maßstäbe gesetzt. Um Aktualität, um Geschwindigkeit ging es schon immer. Doch mit der quasi-Echtzeitberichterstattung können die traditionellen Medien nicht mehr konkurrieren. Deshalb haben sie das einzig Richtige getan: Sie haben den Dienst umarmt und willkommen geheißen. Die Symbiose funktioniert gut. Meistens.

Ab und zu entsteht nämlich ein Mächteungleichgewicht. So geschehen auf einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche. Das Ungleichgewicht wurde deutlich, als sich einige Journalisten über den twitternden Regierungssprecher beklagten, weil sie sich benachteiligt, übergangen, ausgetrickst – kurz: unterlegen – fühlten.

Die Twitter-Gemeinde stürzte sich darauf, berauschte sich am Gefühl der Überlegenheit. Man genoss den Triumph über die „Hauptstadtjournalisten“, über jene, von denen man sonst abhängig ist. Das ist mindestens ebenso unangebracht wie der beleidigte Ton der  Journalisten in der Bundespressekonferenz.

Schließlich besteht die einzige Leistung der Twitterer darin, dass sie sich früher mit einer neuen Technik angefreundet haben als andere. Kein Grund, um abzuheben. Nur weil ein Journalist twittert, Tweets verfolgt oder sogar als Nachrichten wiedergibt, beweist er damit noch lange keine herausragende Social-Media-Kompetenz.

Bei dieser Pressekonferenz ging es noch um ganz andere Dinge: Um Zuverlässigkeit, Vertrauen, um praktische Fragen, die die Abläufe in den Redaktionen betreffen. Das sind keine dummen oder unnötigen Fragen, die da aufgeworfen wurden. Das sind durchaus Fragen, die nach einer Abstimmung zwischen Journalisten, Politik und Öffentlichkeit verlangen. Das vollständige Protokoll der Sitzung lässt sich auf dem Politblog Carta nachlesen.

Sich darüber zu mokieren, dass Leute Bedenken haben, deren Job es ist, Bedenken zu haben, ist der falsche Weg. Die eigenen Kollegen mit Hohn und Spott zu übersäen spricht nicht gerade für einen kollegialen Umgang in diesem Berufsstand.

Es muss doch klar sein: Auf dem Weg zu einem qualitativ besseren Journalismus führt uneingeschränkte Twitter-Gläubigkeit genauso in die Irre wie zu große Skepsis. Im Moment stehen sich On- und Offline-Journalisten aber wieder einmal unversöhnlich gegenüber und lassen sich wieder einmal bereitwillig gegeneinander ausspielen.

Twitter ist seit jeher auch ein Instrument der Gegenöffentlichkeit, der Kontrolle des „Mainstream-Journalismus“ und als solches war es auch schon immer extrem effektiv. Dass sich Medien zunehmend selbst zum Thema ihrer Berichterstattung machen und dabei durchaus (selbst)kritisch sind, ist ganz klar ein positiver Trend. Wenn es aber nur noch darum geht, sich selbst darzustellen oder andere zu diskreditieren, verkommt Twitter zu einer Cybermobbing-Plattform für Medienschaffende. Und daran muss man nun wirklich nicht teilnehmen. Journalisten müssen, sie sollen, sie dürfen nicht alles fressen, was ihnen vorgesetzt wird.

 

 

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