Meinung : Über das, was Hunde machen, wenn sie nicht vor Goebbels davonlaufen

Roger Boyes, The Times

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So viele Probleme: Berlins Schulden, die Neue Unterschicht, explodierende Bomben, der Schmerz des Lebens, die kürzer werdenden Tage. Und ich schreibe trotzdem über meinen verdammten Hund. Der genießt seine Berühmtheit nicht einmal. In unserer Kneipe „Der Floh“ wird er für seine Schmutzigkeit gehänselt und dafür, dass er der Kellnerin wie ein verliebter Bewunderer überall hinfolgt. Andere Hunde können sich unter der Bank verkriechen und darauf warten, manchmal ein Stück Leber abzubekommen. Nicht Mac. „He, Mac“, heißt es dann ohne Rücksicht auf seine Gefühle, „wasch dich! Nimm ab!“

Grund genug, könnte man denken, sich vom Hund abzuwenden und sich ernsthafteren Themen zuzuwenden wie Schröders Memoiren. Aber nein: Mac und ich sind ein Team. Als Kind waren meine Helden Tim und sein treuer weißer Hund Struppi. Tim war in dem Comic ein Zeitungsreporter, der Abenteuer erlebte, aber nie einen Artikel schrieb. Struppi war ein Terrier, unermesslich viel intelligenter als sein Herrchen, der aber nirgendwo einen Hundehaufen hinterließ. Eine saubere, unkomplizierte Welt.

Doch die Wahrheit besteht leider aus Korrespondenten, die schreiben, und Hunden, die scheißen. Ich war also verständlicherweise nicht besonders erfreut, als ein Mann – ein steifbeiniger Fremder in meinem Kiez – während des Tages bei mir klingelte. Leicht stotternd brachte er hervor, dass er Mac dabei beobachtet hatte, wie der sein Frühstück (Cesar Rind und Huhn) als braunen Haufen unter einem Baum neben dem Mema-Supermarkt wieder von sich gab. Er machte eine Pause. Ein inzwischen teures Vergehen: 35 Euro. Der Mann, folgerte ich, wollte mir nichts Gutes. Er war aber auch nicht vom Ordnungsamt. Er war schlicht jemand, der dachte, er könne mir zehn Euro oder so aus der Hüfte leiern, um ihn davon abzuhalten, zur Kot-Polizei (Kopo) zu gehen.

Der Besuch hatte etwas Unheimliches. Ich bin ein ausgesprochener Anhänger der Regel, dass Herrchen hinter ihren Hunden sauber machen. In England trägt man dafür kleine Schaufeln mit sich herum und schaufelt das Zeug in eine braune Tüte. Das ist kein besonders erfreulicher Prozess, aber nicht schlimmer, als bei einem Baby die Windeln zu wechseln. Hundebesitzer sind Teil einer modernen Gesellschaft, die vollkommen zu Recht Scheiße auf der Straße für ein Phänomen aus dem Mittelalter hält.

Das Problem in Berlin (nicht in anderen deutschen Städten) besteht darin, dass es außer den Mülleimern keinen Ort für diese Tüten gibt. Müllmänner, stolz auf ihre orangefarbenen Uniformen, wollen sich dem Kot nicht nähern: Sie würden ihn lieber vom Gehsteig aufsaugen. Wir brauchen, wie in England, eigene Sammelstellen. Hans Wall, der Klo-König, hat eine Maschine entwickelt, die ich in Wilmersdorf aber noch nirgendwo gesehen habe.

Tatsache ist, dass in einer verschuldeten Stadt Hundescheiße eine großartige natürliche Ressource darstellt. San Francisco hat mit Erfolg aus Hundekot Energie hergestellt. Ein sinnvoller Ansatz bei der Berliner Hundehaufenkrise wäre es, den Besitzern das Gefühl zu vermitteln, sie wären Teil eines Umweltkonzepts, das gut für die Gemeinschaft ist – statt sie zu kriminalisieren. In Berlin gibt es eine wachsende hundeskeptische Lobby, die Hunde als Parasiten zu betrachten scheint: Das Thema Kot (der Senat nennt es elegant „Hinterlassenschaften“) ist zum Dogma geworden.

Dabei sind Hunde ein wesentlicher Teil jeder zivilisierten Gesellschaft. Nächste Woche erscheint ein neues, ausgesprochen unterhaltsame Magazin, „Dogs“. Das macht diesen Punkt wunderbar deutlich: Kinder sind gesünder und toleranter, wenn sie mit Hunden aufwachsen; Beziehungen laufen besser; Alte sind weniger einsam. Hunde erziehen. Iris Berben redet mit ihrem Jack Russell Paul sogar über das „Dritte Reich“: „Ich erkläre ihm auf unseren Spaziergängen einfach alles, was es zu sehen gibt“, sagt Frau Berben in „Dogs“, „das Holocaust-Mahnmal, den Reichstag …“ Paul, stellen wir fest, ist ein Jack Russel mit einem Gewissen. Er hört seinem Frauchen zu, wie sie sich auf eine Lesung aus den Goebbels-Tagebüchern vorbereitet. „Die Goebbels-Texte habe ich mit einer Distanz und Kälte gelesen, und jedes Mal ist Paul von meinem Schoß gesprungen und aus dem Zimmer gegangen. Er hasst Goebbels.“

Gut so. Aber liebe Frau Berben, die Hunde zivilisieren uns, nicht wir sie. Diese Erkenntnis sollte vielleicht Ausgangspunkt der großen Hundekotdebatte sein.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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