Meinung : Über die Eierschale und den Untergang des Westens

Warum ein Sowjetmensch immer einer bleibt / Von Alexander Sinowjew

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Am Mittwoch starb im Alter von 83 Jahren Alexander Sinowjew. Er war einer der klügsten Kritiker des Sowjetkommunismus. Dieser Text entstand im März 1980 in München.

Wir und der Westen: Damit meine ich die Sowjetmenschen und die Gegend, wohin man uns von Zeit zu Zeit hinauswirft, um bei uns zu Hause die Verhältnisse zu sanieren.

Der Westen ist bekanntlich zum Untergang verurteilt. Diese Idee vom drohenden Untergang des Westens ist nicht bei uns erfunden worden, sondern im Westen selbst. Schon vor langer Zeit. Man hat sich hier im Westen allmählich so an den Gedanken gewöhnt, dass man gar nicht mehr ohne diesen Untergang leben kann. Man ist hier sogar stolz auf ihn. Ganz ähnlich wie wir Sowjetmenschen stolz sind auf unsere saumäßigen Lebensbedingungen.

Die Ähnlichkeit ist tatsächlich verblüffend. Da treffen sich zum Beispiel Sowjetbürger in einer stinkenden schmutzigen Kneipe oder in einer jämmerlich engen Wohnung. Sie betrinken sich mit einem Wodka, der einem den Magen umdreht, und essen dazu irgendein für einen Westler unvorstellbares Zeug, und dann nicken sie einander verständnisinnig zu und sagen mit so einem miesen kleinen Lachen: „Ja, Freunde, wir leben schlimmer als die Schweine!“ Und der Stolz auf ihren Sauladen leuchtet ihnen dabei aus den Augen.

Und genauso hier im Westen: Da treffen sich ein paar Westler in einem Restaurant oder in einer Wohnung, wie sie sich der Sowjetbürger nicht träumen lassen würde. Sie essen sich satt an Dingen und betrinken sich mit Weinen, deren Existenz der Sowjetbürger nicht einmal vermutet, und dann nicken sie einander verständnissinnig zu und sagen mit so einem nachsichtig spöttischen Lächeln: „Ja, Herrschaften, da kann man nichts machen, der Westen geht unter.“ Und der Stolz auf ihren Untergang leuchtet ihnen dabei aus den Augen.

Bei mir persönlich ist die Überzeugung, dass der Westen zum Untergang verurteilt ist, ganz unabhängig von solchen westlichen Geisteshaltungen entstanden. Zum ersten Mal tauchte sie auf, als ich noch in der Sowjetunion lebte, und zwar unter folgenden Umständen: Ein Bekannter von uns, der erst gerade im Westen gewesen war, zeigte uns einen raffinierten kleinen Apparat, den er von dort mitgebracht hatte, und fragte uns, was das wohl wäre.

Wir zerbrachen uns lange den Kopf, äußerten alle möglichen Vermutungen, konnten es aber nicht erraten. „Das ist eine Vorrichtung zum Durchstechen von Eierschalen!“ verkündete unser Bekannter triumphierend. Als wir das gehört hatten, gerieten wir in einen Zustand, wie er wohl unsere Großväter befallen haben muss, als sie von der Existenz des Toilettenpapiers hörten. Wir waren einfach gelähmt vor Überraschung. „Die Schufte! Was die da wieder ausgeheckt haben!“ flüsterte einer der Anwesenden. Damals habe ich mir gedacht: „Wenn eine Gesellschaft anfängt, ihre Intelligenz und ihre materiellen Mittel auf spezielle Apparate zum Durchstechen von Eierschalen zu verschwenden, anstatt sie für Panzer, Flugzeuge und Raketen zu benützen, dann ist sie zum Untergang verurteilt.“ Es fanden sich in unserem Kreise auch Optimisten, die das „Phänomen des Eierschalendurchstechens“ als Zeichen für das katastrophale Zurückbleiben der Sowjetunion gegenüber dem Westen auslegten. Unter der sowjetischen Intelligenz erwacht wieder die alte Tradition der russischen Intellektuellen, sich an der Zurückgebliebenheit des eigenen Landes zu ergötzen.

Kaum war ich im Westen, begegnete ich dem „Phänomen des Eierschalendurchstechens“ auf Schritt und Tritt. Ich staunte immer wieder darüber, und die Überzeugung, dass der Westen zum Untergang verurteilt ist, wurde immer stärker. Dann kam eines Tages der entscheidende Augenblick: Ich wollte zu Neujahr einen Tannenbaum besorgen gehen. „Da werden sie ja hoffentlich noch keine Apparate erfunden haben“, sagte ich zu meiner Frau, „wenn sie sich da auch schon was ausgedacht haben, gebe ich den Westen verloren!“

Als ich auf dem Christbaummarkt ankam, hatten sie da herrliche Bäume, wie ich sie in Moskau nur auf Bildern gesehen hatte, und daneben – einen tollen Apparat! So ähnlich wie ein Windkanal oder ein Turbinenluftstrahltriebwerk. „Was ist denn das?“ interessierte ich mich – immer noch in der Hoffnung, die in mir aufkeimende Befürchtung möchte unbegründet sein. „Das – das ist eine Vorrichtung zum Verpacken der Christbäume“, wurde mir erklärt. Ich nahm den ersten besten Baum. Das Angebot, mich der Packvorrichtung zu bedienen, schlug ich aus. Mir war sehr traurig zumute. „Weißt du“, sagte ich zu meiner Frau, „der Westen ist nicht für einen Sowjetmenschen“, und streckte ihr die Quittung für den Baum hin: „Da, heb das auf!“ – „Wozu denn?“ wunderte sich meine Frau. „Ach, wer weiß, vielleicht braucht man das noch mal. Womöglich können wir den Steuerinspektor dann überzeugen, dass das eine beruflich bedingte Aufwendung war.“

Neben dem „Phänomen des Eierschalendurchstechens“ überrascht den Sowjetmenschen im Westen auch das Phänomen der außerordentlichen Naivität in allem, was die Sowjetunion und ihre Bürger betrifft. Mir fällt dazu eine Begegnung mit Lesern ein. Die Versammelten waren alles gebildete Leute – Studenten, wissenschaftliche Assistenten, Ingenieure und Professoren. „Als Sowjetmensch“, fing ich an. „Als ehemaliger Sowjetmensch“, korrigierte mich einer der Anwesenden. „Ehemalige Sowjetmenschen gibt es nicht“, sagte ich, „Sowjetmensch bleibt man, selbst, wenn man freiwillig auswandert, gewaltsam vertrieben wird oder sich antisowjetisch betätigt.“ – „Das ist doch mehr eine rhetorische Paradoxie“, sagte mein Gesprächspartner. „Ach, wenn es doch so wäre“, seufzte ich, „das, was die Menschen im Westen als rein verbale Paradoxie empfinden, ist für uns Sowjetmenschen, die wir von klein auf mit dem ABC des Marxismus vertraut sind, die gewohnte Denkweise.“ (...)

Das Leben im Westen ist für einen Sowjetmenschen aus vielerlei Gründen schwierig. Zwei davon möchte ich anführen: Das erste betrifft den bürokratisch-rechtlichen Aspekt des Lebens. In der Sowjetunion habe ich in dieser Hinsicht praktisch sorgenfrei gelebt. Auf der Arbeitsstelle gibt es irgendwo ein Arbeitsbuch, das ich aber erst nach der Entlassung zu sehen bekommen habe. Zu Hause ist der Personalausweis. Das ist alles. Im Westen dagegen hat sich schon nach einem Jahr ein riesiger Berg von Papieren um mich angesammelt, die man aufheben muss und auf die man reagieren muss. Bei meiner heftigen Abneigung gegen jede Art von Formalitäten ist das recht quälend. Aber hier geht das nicht anders, denn die westliche Gesellschaftsordnung ist eben rechtsstaatlich, und daran muss man sich von klein auf gewöhnen. Einmal bekam ich einen dicken Packen amtlicher Papiere. Ich fing an zu lesen und verstand kein Wort. Ich bewaffnete mich mit Wörterbüchern, das nützte auch nichts. Es stellte sich heraus, dass es hier neben der Literatursprache eine Behördensprache gibt, die die Einheimischen selbst nur mit Mühe oder überhaupt nicht verstehen. (...)

Das zweite Beispiel betrifft das Problem des Wählens. Man muss hier ständig aus vielem etwas auswählen und Initiative entwickeln, woran der Sowjetbürger nicht gewöhnt ist. Damit ist ein ganzer Komplex von Erfahrungen verbunden, die recht schmerzlich sind, besonders das Gefühl von Verantwortung und von Reue. Ich kam zum Beispiel in ein Geschäft, sah dort ein Hemd, das mir gefiel, und kaufte es gleich. Als Sowjetmensch bin ich daran gewöhnt, eine günstige Gelegenheit sofort zu ergreifen aus Angst, sie könnte sich nicht noch einmal bieten.

Ich habe also das Hemd gekauft, gehe nach Hause und freue mich über den günstigen Kauf. Hundert Meter weiter sehe ich im Schaufenster eines anderen Geschäfts genauso ein Hemd, aber etwas billiger. Meine Stimmung sinkt schon etwas. Nach ein paar Tagen sehe ich genau dasselbe Hemd für den halben Preis und fluche. Ein paar Wochen später im Ausverkauf gibt es dieselben Hemden für etwa ein Zehntel des Preises. Jetzt kann ich das Hemd nicht mehr sehen. Es hängt im Schrank als Sinnbild meiner Untauglichkeit zum westlichen Leben.

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