Über Kreuzzüge und Weisheiten : Hermann Hesse an der Decke

Im Friseursalon nebenan steigt jede Woche eine Putzfrau auf die Leiter und hängt eine neue Lebensweisheit auf. Diese erstaunliche Missionarin ist von einem dringenden Wunsch beseelt: Sie will die Kundinnen aus ihren Schicksalsnöten retten, indem sie ihnen den Weg zur Erlösung zeigt. Ein Kommentar.

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Hermann Hesse - ein Schriftsteller für pubertierende Jungen?
Hermann Hesse - ein Schriftsteller für pubertierende Jungen?Foto: dpa

Ich habe immer geglaubt, ein Friseursalon – auf Neudeutsch: Studio oder Werkstatt – sei ein Ort, wo das Gehirn endlich einmal weich wie Lokum werden darf. An nichts mehr denken. Nichts überlegen. Ein bisschen mit der Friseurin tratschen, verschiedene Schattierungen von Nagellack begutachten, einen grünen Tee schlürfen und dabei in der Gala blättern, ohne sich zu schämen, denn niemals! wirklich niemals! würde man es wagen, sie am Kiosk an der Ecke zu kaufen, wo einen jeder kennt. Der Friseursalon ist eine geschützte Enklave.

Lassen Sie sich gehen, lesen Sie, worauf Sie Lust haben, beichten Sie Ihre größten Geheimnisse… nichts davon wird je nach draußen entkommen. Im Rausch der Dämpfe von Kamille und Jojoba versinkt man in eine sanfte Benommenheit, in ein warmes, wollüstiges Nirwana. Und kein Mensch käme je auf die Idee, diesen Zustand der Gnade aufzugeben, um sich auf existenzialistische Grübeleien einzulassen.

In dem Moment, als ich den Kopf in den Nacken gelegt habe, als das warme Wasser von den Schläfen hinunterfließt und der Stress des Tages langsam vergeht – in dem Moment bemerke ich direkt in meiner Blickrichtung ein Stück Papier, das mit Reißzwecken am Deckenstuck befestigt ist. Mit Filzstift steht da in großen schwarzen Buchstaben eine Maxime von Hermann Hesse: „Auf einfache Wege schickt man nur die Schwachen.“

Jede Woche steigt sie auf die Leiter und hängt eine neue Lebensweisheit auf

Die Friseurin erklärt mir, dass die Putzfrau zwischen Abwischen und Staubsaugen auf einen moralischen Kreuzzug zieht. Jede Woche steigt sie auf die Leiter und hängt eine neue Lebensweisheit auf. Diese erstaunliche Missionarin ist von einem dringenden Wunsch beseelt: Sie will die Kundinnen des Salons aus ihren Schicksalsnöten (und vor der Gala!) retten, indem sie ihnen den Weg zur Erlösung zeigt. Die kontemplative Haltung derjenigen, denen das Haar gewaschen wird, lädt ihrer Meinung nach zu tiefgründigen Reflexionen über den Sinn des Lebens ein.

Hermann Hesse hat mir noch nie gefallen. Ein Schriftsteller für die pubertierenden Jungen meiner Generation. Die Mädchen lasen Flaubert. Der starre Pietist gegen den antiklerikalen Freidenker und scharfen Kritiker der bürgerlichen Moral. Während die Jungen das Duell zwischen Geist und Sinnen bei Narziß und Goldmund verfolgten, stiegen wir Mädchen in die ruchlose Kutsche, die mit zugezogenen Vorhängen durch Rouen rollte und die ehebrecherischen Liebeshändel der Emma Bovary verbarg. Und ganz bestimmt wird dieser strenge und nach Selbstaufopferung riechende Satz über dem Waschbecken Hermann Hesse keinen Zutritt zu meinem Herzen verschaffen. Ich zucke auf meinem Stuhl zusammen. Was ist denn so schlimm daran, wenn man einen leichten Weg einschlägt? Liegt darin nicht die wahre Kraft, die beneidenswerte Kunst, sich das Leben angenehmer zu machen und es sogar zu genießen? Auf unserem Weg werden wir schon noch genug Fallstricken und dunklen Stunden begegnen.

Wie gern würden wir diesen apokalyptischen Anblick einfach wegwischen

Der Absturz des Airbus von Germanwings lässt uns verstummen. Er erinnert uns daran, dass unser Leben nur an einem dünnen Faden hängt, dass Jugendliche, die voll Freude zu einer Klassenfahrt aufgebrochen sind, nie mehr nach Hause kommen werden, dass das Glück an einem schroffen Berghang zerschellen kann… und dass wir nichts daran ändern können.

Wie gern würden wir diesen apokalyptischen Anblick einfach wegwischen. Wenn sich also ein sanfter und gut zu begehender Weg vor uns öffnet, warum sollten wir ihn nicht guten Gewissens einschlagen? Was ist denn ein Schwacher? Ein Weiser, der jeden Moment nutzt, weil er weiß, dass der Herzensfriede ihm jederzeit genommen werden kann? Diese Verherrlichung der Schmerzen macht mich wütend, denke ich mit eingeschäumtem Haar. Zum Teufel mit Hermann Hesse! Ich bevorzuge den Satz von Gustave Flaubert, der genau das Gegenteil ausdrückt: „Glauben Sie nicht, die nicht behandschuhten Hände seien robuster als die anderen.“

- Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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