Über Mozart und Jacques Brel : Im Halbdunkel unter der Bettdecke

Man macht keine Witze über Behinderte. Man nimmt keine ausländerfeindlichen Parolen in den Mund. Ja, da hört der Spaß auf! In Deutschland ist die Demarkationslinie zwischen ernst und leicht undurchlässig.

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Das mit dem Lesen unter der Bettdecke fängt früh an.
Das mit dem Lesen unter der Bettdecke fängt früh an.Foto: dpa

Da hört der Spaß auf! Die Rüge trifft mich wie ein Faustschlag in den Magen und lässt mich nach Luft schnappen. Sie wird mit eisiger, kategorischer Stimme erteilt, Widerspruch zwecklos, nicht einmal das kleinste Glucksen, ein letzter unterdrückte Lachanfall. Der Spaß hört auf! Und zwar sofort!

Ich hasse diese Anweisung, auch wenn sie zugegebenermaßen von einer untadeligen Moral gespeist wird. Es gibt durchaus Grenzen, die man nicht überschreiten darf. Der Code der political correctness lässt sich nach Belieben erweitern. Man macht keine Witze über Behinderte. Man nimmt keine ausländerfeindlichen Parolen in den Mund.

Ja, da hört der Spaß auf! Definitiv! Und doch – bei dieser Schelte läuft es mir kalt über den Rücken. Sie hat etwas Furchteinflößendes, weil sie häufig über das Ziel hinausschießt. Ohne dass man recht weiß warum, kann sie mit einem Ruck das Gelächter und die Freuden eines vergnügten Gesprächs abschneiden, das in aller Unschuld ein wenig auf den gefährlichen Morast des schlechten Geschmacks zusteuert. Nichts Schlimmes. Aber glücklicherweise sorgt ein selbst ernannter steifer Zensor dafür, dass eine ebenso starre wie willkürliche Grenze gezogen wird. Er weiß, wo es lang geht, und das muss er der Runde unbedingt mitteilen.

Wir sind zu weit gegangen. Wir haben heiligen Boden betreten. Die Heiterkeit eines Frühlingsnachmittags, die entspannte Atmosphäre – das ist alles schlecht. Als würde der Humor nicht schon per se die Anstandsregeln verletzen.

Ich kenne kein anderes Land, in dem die Demarkationslinie zwischen dem Ernsten und dem Leichten so undurchlässig ist. Nehmen wir nur einmal die sogenannte „U- und E-Kultur“. U und E liefern sich ein gnadenloses Gefecht. Hoch gegen niedrig, wertvoll gegen trivial, seriös gegen leicht, Elite gegen Masse, Kunst gegen Kommerz, Weiser gegen Hallodri, Niveau gegen Trash, Autorenkino gegen Daily Soaps, altsprachliches Gymnasium gegen Muckibude, Philharmonie gegen Berghain … Aber kann man die Genres wirklich so rigide auseinanderdividieren? Als würde E nie mit U flirten. Als würde U nicht manchmal ebenso tiefgehen wie E.

Zum Beispiel Mozart und Jacques Brel. Ich sehe manche von Ihnen sofort auf das hohe Ross steigen. Ich sehe, wie Sie beim Frühstück bedenklich den Kopf wiegen: Na, na, Madame Hugues, da hört der Spaß aber auf! Und ich bin fast sicher, dass Sie sich fast automatisch über Brel lustig machen und den „Anspruch“ von Mozart verteidigen (Anspruch … was für ein hässliches, vom Dünkel aufgeblähtes Wort!). Mozart? Unantastbar!

Armer Mozart – als E etikettiert, wo er doch auch so leicht war! Das hätte ihm bestimmt nicht gefallen. Und wer Brel als U klassifiziert, hat von der Liebessehnsucht nichts verstanden. Die Mauern zwischen U und E sind porös. O nein, was die professionellen Klassifizierer dazu auch sagen mögen – U und E können das Chaos der Welt nicht auflösen und die große Kakophonie durch zwei gut markierte Korridore kanalisieren.

In den bürgerlichen Familien meiner Generation durften die Kinder keine Comics lesen. Nur klassische Werke, die Meister der Weltliteratur, die „wahren“ Bücher, durften zitiert werden. Also nahmen wir U mit unter die Bettdecke und ließen E auf dem Nachttisch liegen. Wie viele Comichefte wohl beim Schein einer Taschenlampe verschlungen wurden, wie viel nachts mit Lucky Luke und Gaston Lagaffe herumgestreunt wurde. Sind die verwinkelten Gassen der U-Kultur – krumm, wild, ein bisschen verboten – nicht viel aufregender als die gepflegten breiten Boulevards der E? Und wenn die Bücher „anspruchsvoll“ werden (sprechen Sie das Wort bitte mit spitzem Mündchen und würdevoller Stimme aus), hört dann nicht der unendliche Genuss auf, den sie uns schenken? Denn es ist doch genau da, im Halbdunkel unter der Bettdecke, wo der wahre Spaß anfängt, oder?

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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