Meinung : Überall Quasselstrippen

20 Jahre Cebit: Die Technik hat die Welt nicht nur zum Besseren verändert

Kurt Sagatz

Einem Briten ist es vor wenigen Tagen gelungen, einen über 60 Jahre unentschlüsselten Funkspruch eines deutschen U-Bootes zu knacken. Woran die Experten über Jahrzehnte gescheitert waren, schaffte der Hobby-Kryptologe mit einer kleinen Armada ganz normaler Privat-PCs, deren Potenzial über das Internet gebündelt wurde. So unglaublich die Meldung ist, so sehr haben wir uns daran gewöhnt, dass nahezu unbeschränkte Rechenkraft nicht nur einer kleinen Elite zur Verfügung steht. Jeder PC, jeder iMac und jede Playstation ist leistungsstärker als die meisten Großrechner noch vor wenigen Jahren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird heute Abend die Computer- und Kommunikationsmesse Cebit in Hannover eröffnen – und damit den Startschuss für eine ganz besondere Jubiläumsveranstaltung geben. Vor zwanzig Jahren fand erstmals die Cebit statt. Damals begann die Ära der Personal Computer, seinerzeit vor allem für den Einsatz in Wirtschaftsunternehmen. Inzwischen ist die Cebit nicht nur die größte Leistungsschau von Computern, Handys und Unterhaltungselektronik, sondern zugleich die größte Messe der Welt. 1986 galt es als Fortschritt, wenn wenige Datenbits über die Telefonleitungen fiepten. Heute eilen die Datenpakete über Gigabit-Netze um die Welt.

Die Cebit, das sind sieben Tage, die die Welt verändern. Viele Visionen der Entwickler scheitern zwar an der Alltagstauglichkeit, doch zumindest ebenso viele erreichen die Märkte – längst nicht alle zum Besten der Menschen. Die Menschen haben sich durch ihre immerwährende Erreichbarkeit selbst an die digitale Kette gelegt. Wie einst die weißen Stellen auf der Weltkarte, so schrumpfen heute die Orte, an denen man nicht per UMTS, Wireless-LAN oder Bluetooth zu erreichen wäre.

Längst leben wir in einer Immer-und-überall-Zeit. Gerade erst ging ein Angstschrei unter amerikanischen Wirtschaftsmanagern und Geheimdienstleuten um, als der Blackberry-Patentstreit den Betrieb der mobilen E-Mail-Empfänger gefährdete. In einigen Jahren werden wir vermutlich nervös, wenn die in unserer Kleidung eingebaute Steuerung von iPods, Handys und Minicomputern streikt. Selbst vor dem menschlichen Körper machen Minicomputer nicht halt, um Behinderungen an Augen und Ohren zu lindern.

Die Welt der Technik steht vor ständigen Veränderungen: Bislang voneinander getrennte Märkte wachsen zusammen. Die Konvergenz der Medien lässt sich inzwischen in fast jedem Wohnzimmer erleben. Fernsehen und Internet verschmelzen allerdings anders, als die Experten prognostizierten. Der Fernseher dient nach wie vor der Unterhaltung, genau wie man E-Mails lieber am PC oder auf dem Laptop liest. Private Weblogs machen zunehmend den etablierten Medien Konkurrenz. Doch ob die TV-Bilder aus dem DSL-Anschluss kommen oder der Internetzugang über das Fernsehkabel erfolgt, wird für den Verbraucher immer unwichtiger, für Firmen wie die Telekom oder Kabel Deutschland indes zur zentralen Zukunftsfrage.

Dabei ist die Branche mit der Politik recht zufrieden. Der Wirtschaft wurden von den Koalitionären Milliardeninvestitionen in Forschung und Entwicklung zugesagt, auch der Mittelstand soll stärker gefördert werden. Ein Grund zur Sorge ist allerdings die Ausstattung der Schulen mit Computern. Der Branchenverband Bitkom bemängelt, dass in Deutschland auf 100 Schüler gerade einmal acht PCs kommen. In Großbritannien sind es 23, in den USA sogar 30. In deutschen Klassenzimmern sieht es hingegen nicht besser aus als in Mexiko, Ungarn oder Tschechien.

Doch obwohl die Lernbedingungen nicht ideal sind, wächst die Jugend wie selbstverständlich in die neue Welt hinein. Und allem Geunke um die digitale Spaltung zum Trotz ist auch unter älteren Menschen das Interesse groß an den Zukunftstechniken – zwanzig Jahre nach der ersten Cebit.

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