Überalterung : Sei betagt, sei Berlin

Wie sollen, wie können die Berliner im Alter leben? Die Vorschläge des Senats zur Überalterung der Stadt sind unzureichend.

Ralf Schönball

Verspätet und gut versteckt in der parlamentarischen Sommerpause präsentiert der Berliner Senat seine Strategie für den vielleicht schwerwiegendsten Umbau der Stadt: die Anpassung Berlins an die demografische Entwicklung. Es geht um die drängende Frage: Wie sollen, wie können die Berliner im Alter leben?

Am liebsten so, wie die Werbung es uns verkauft, die mit der Politik darin verwandt ist, dass sie schwierige Themen gerne vereinfacht präsentiert. Ein Automobilhersteller präsentiert das Thema Altern deshalb so: Am Lenker eines schnittigen Cabrios sitzt ein Senior mit Schlapphut und silbergrauem Schnauzbart und strahlt um die Wette mit der Sonne im tiefblauen Himmel über der kurvigen bayerischen Landstraße.

Die Realität sieht in Berlin leider völlig anders aus: Die Altersarmut wächst in den kommenden Jahren. Eine ganze Generation von Gastarbeitern und Geringverdienern geht in den Ruhestand, und deren Rente ist nach einer Erhebung des Berliner Senats allenfalls so hoch wie die gesetzliche Grundsicherung – aber auch nur dann, wenn sie zuvor 50 Jahre lang 40 Stunden in der Woche gearbeitet haben. Welchem Berliner wird das in der Hauptstadt von Hartz IV, von Minijobs und Taxi lenkenden Akademikern jedoch gelingen?

Um die große Mehrheit der hilfebedürftigen Berliner Senioren müsste sich der Senat also kümmern, denn hier tickt eine Zeitbombe: Der im Mai vorgelegte Gesundheitsbericht des Senats zeigt, dass gerade Menschen mit geringen Einkommen und wenig Bildung besonders oft krank und pflegebedürftig werden. Und wenn die Lebenskräfte im Alter schwinden, erhöht sich dieses Risiko noch weiter. Das kostet und belastet die schon heute überforderten Kassen des Gesundheitswesens, die Krankenhäuser und Kliniken, die mobilen Betreuungseinrichtungen, die Sozialhelfer und karitativen Einrichtungen. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt, dass eine der wenigen konkreten Maßnahmen des Senats die Einrichtung von 36 Pflegestützpunkten bis zum Jahr 2011 ist: Die sollen Gesundheitspflege in den Kiez bringen.

Das wird nicht ausreichen. Doch die schrumpfenden Mittel in den Kassen des Landes und der Berliner Haushalte begrenzen den Spielraum. Daher schlägt der Senat vor, Arbeitslose für die Seniorenbetreuung einzusetzen. Eine gute Idee, doch der Vorschlag wird sich nicht leicht umsetzen lassen: Der zweite Arbeitsmarkt darf schließlich nicht in Konkurrenz zur freien Wirtschaft treten – und Pflegedienste sind ein blühendes Geschäft.

Hat der Regierende Bürgermeister die zwei Jahre tatenlos verstreichen lassen, seitdem er eine Bundesratsinitiative zu diesem Thema angekündigt hatte? Und wie will das Land dem drohenden Versorgungs- und Pflegenotstand in der Stadt begegnen? Die Senioren möglichst lange in deren eigenen Wohnungen wohnen zu lassen, sie fit zu machen durch bürgerschaftliches Engagement in der Nachbarschaft, ist ein guter Ansatz. Der Abbau von Stolperfallen in den Wohnungen und in der Stadt ebenfalls. Aber das ist viel zu wenig.

Die Konzepte zum Demografiewandel wirken daher so, als begnüge man sich mit Diagnosen und der Verabreichung von Beruhigungspillen, wo weitreichende Therapien nötig sind.

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